
Konflikt um libysche Hauptstadt Tripolis eskaliert

Der militärische Konflikt um die libysche Hauptstadt Tripolis ist am Sonntag eskaliert. Während regierungstreue Truppen eine Gegenoffensive starteten, flog die angreifende Libysche Nationale Armee (LNA) nach eigenen Angaben erste Luftangriffe auf einen Vorort. Die Vereinten Nationen forderten eine Waffenruhe, um Verletzte und Zivilisten in Sicherheit zu bringen.
Die LNA-Truppen des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar rücken seit Donnerstag auf die Hauptstadt vor, in der die Einheitsregierung von Ministerpräsident Fajes al-Sarradsch ihren Sitz hat. Als Reaktion darauf starteten die Regierungstruppen am Sonntag eine Gegenoffensive unter dem Titel "Vulkan der Wut". Damit sollten "alle Städte" von "unrechtmäßigen Kämpfern befreit" werden, teilte der Sprecher der Regierungstruppen, Mohammed Gnunu, in Tripolis mit.
Die LNA teilte unterdessen auf der Facebook-Seite ihres "Medienbüros" mit, sie habe einen ersten Luftangriff auf einen Vorort der Hauptstadt Tripolis geflogen. Am Samstag waren Haftars Einheiten etwa 50 Kilometer südlich der Hauptstadt aus der Luft angegriffen worden. Das Flugzeug sei in der westlibyschen Stadt Misrata gestartet, erklärte die LNA.
Die Schlacht um Tripolis droht inzwischen zu einem Bürgerkrieg zu eskalieren. Nach einer Pause über Nacht waren die Kämpfe am Morgen wieder aufgeflammt. Die Vertretung der Vereinten Nationen in Libyen rief für den Nachmittag (Ortszeit) zu einer zweistündigen Waffenrunde in den Kampfgebieten südlich der Stadt auf. In einem Appell an beide Seiten hieß es, Rettungskräfte und der Rote Halbmond könnten nur so Verletzte und Zivilisten in Sicherheit bringen.
Ministerpräsident al-Sarradsch hatte Haftar zuvor vor einem "Krieg ohne Gewinner" gewarnt und gesagt, aus zahlreichen Regionen würden zusätzliche Einheiten in der Hauptstadt zusammengezogen. Ein AFP-Fotograf beobachtete, wie mindestens eine bewaffnete Gruppe aus Misrata, die sogenannte Brigade 166, zur Verstärkung kam, um vor Tripolis an der Gegenoffensive gegen die LNA teilzunehmen. Der Sprecher der Gruppe, Chaled Abu Dschasija, sagte, seine Einheit warte nun auf "Befehle, um jegliche feindliche Vorstöße auf Tripolis zurückzuschlagen".
Auch kriegserprobte Kämpfer aus Sentan und aus Sawija, die bereits am Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi beteiligt waren, stießen hinzu. In Tadschura, einem Vorort rund 30 Kilometer östlich von Tripolis, beobachtete ein AFP-Reporter, wie dutzende Militärfahrzeuge, darunter auch Flugabwehrgeschütze, zusammengezogen wurden.
Bei den Einwohnern von Tripolis wächst unterdessen die Angst vor einem längeren Kampf um die Stadt. An Tankstellen und Supermärkten bildeten sich Schlangen. "Wir müssen jetzt alles horten, was man braucht", sagte eine Frau in einem Supermarkt in der Hauptstadt. "Man weiß ja nie, was geschieht."
Die Gruppe der sieben führenden Industrienationen rief am Wochenende beide Seiten zur Mäßigung auf. Die Außenminister der G7-Staaten forderten bei einem Treffen im französischen Dinard, die Konfliktparteien sollten "alle Aktivitäten und alle Truppenbewegungen auf Tripolis" umgehend beenden. Die UNO bekräftigte, die geplante Allparteienkonferenz werde wie geplant Mitte April stattfinden. Zu ihr werden in der Stadt Ghadames mehr als hundert Delegierte erwartet, die Termine für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen festlegen sollen.
Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in Libyen Chaos. Die Einheitsregierung ist schwach und hat weite Teile des Landes nicht unter Kontrolle.
Haftar war es in der Vergangenheit gelungen, mit einer Reihe erfolgreicher Militäreinsätze den Osten und große Teile des Südens Libyens unter seine Kontrolle zu bringen. Experten halten es aber für möglich, dass er sich mit der Offensive auf Tripolis übernimmt.
Wolfram Lachner vom Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin sagte, bisher sei Haftars Militäraktion weitgehend nicht nach Plan verlaufen. Stattdessen habe er die westlibyschen Truppen durch sein Vorgehen zusammengeschweißt. "Nun droht ihm entweder ein langwieriger Krieg südlich von Tripolis, oder eine deutliche Niederlage", sagte der Wissenschaftler.
(M.Dylatov--DTZ)