Deutsche Tageszeitung - Mord- und Foltervorwürfe gegen Polizei nach tödlicher Razzia in Brasilien

Mord- und Foltervorwürfe gegen Polizei nach tödlicher Razzia in Brasilien


Mord- und Foltervorwürfe gegen Polizei nach tödlicher Razzia in Brasilien
Mord- und Foltervorwürfe gegen Polizei nach tödlicher Razzia in Brasilien / Foto: © AFP

Nach einer Razzia in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro mit mehr als 20 Toten sind schwere Vorwürfe gegen die Polizei laut geworden. Einige der Leichen wiesen Anzeichen von Folter auf, sagte der Chef der Menschenrechtskommission der städtischen Anwaltskammer. Zudem bestehe der Verdacht, dass einige Opfer regelrecht hingerichtet worden seien, fügte Rodrigo Mondego hinzu. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen möglicher Menschenrechtsverletzungen ein.

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Am Tatort seien Hinweise gefunden worden, dass einige der Opfer womöglich gefoltert und kaltblütig ermordet worden seien, sagte Mondego am Donnerstag (Ortszeit) der Nachrichtenagentur AFP. Das Gesicht einer der Leichen sei beispielsweise mit einem weißen Pulver - mutmaßlich Kokain - beschmiert worden. Möglicherweise sei das Opfer gezwungen worden, die Droge zu essen.

"Das ist ein Akt der Folter", sagte Mondego. Zudem hätten Zeugen berichtet, "dass Männer, die sich der Polizei ergeben hatten, im Wald erschossen wurden". Es habe offenbar "eine große Zahl willkürlicher Hinrichtungen" gegeben.

Die Militärpolizei hatte angegeben, sie habe bei dem Einsatz in einem Armenviertel von Rio am Dienstag versucht, führende Kriminelle aufzuspüren und festzunehmen. Dabei sei sie unter Beschuss geraten. Beim darauffolgenden Gefecht seien mehrere mutmaßliche Bandenmitglieder sowie eine Bewohnerin getötet worden, die von einem Querschläger getroffen worden sei. Die Polizei gab die Zahl der Toten mit 23 an, die Gesundheitsbehörden sprachen von mindestens 26 Opfern.

Allein die hohe Zahl an Toten sei Anlass zur Sorge, sagte Mondego. "Wenn man sich Statistiken auf der ganzen Welt anschaut, wird man nie ein Feuergefecht sehen, bei dem auf einer Seite mehr als 20 Menschen getötet werden und auf der anderen Seite niemand."

Es war die zweittödlichste Razzia in der Geschichte Rios. Die Polizei der Metropole versucht seit einiger Zeit, die als "Favelas" bezeichneten Armenviertel der Stadt aus dem Griff von Drogenbanden zu befreien.

Der rechtsradikale Präsident Jair Bolsonaro hatte den Polizisten unmittelbar nach dem Einsatz am Dienstag gratuliert: "Bravo an die Krieger", welche die "mit dem Drogenhandel in Zusammenhang stehenden Außenseiter neutralisiert haben", schrieb er im Onlinedienst Twitter. Der umstrittene Staatschef kämpft derzeit um seine Wiederwahl bei der im Oktober anstehenden Präsidentschaftswahl.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte Bolsonaro für seine Stellungnahme. Nicht nur der Polizeieinsatz an sich gebe Grund zur Besorgnis, sondern auch die Wortwahl des Präsidenten: "Seine Botschaft an die Polizei war klar: Ihr könnt weiter mit völliger Straflosigkeit töten", erklärte die Organisation.

Zudem sorgte ein in Onlinenetzwerken veröffentlichtes Video eines weiteren Polizeieinsatzes für Empörung. Darauf ist zu sehen, wie in Umbauba im Nordosten des Landes ein Mann in den Kofferraum eines Polizeiautos gezwängt wird, obwohl aus diesem dicker Rauch quillt - offenbar von einem Tränengas-Kanister. Zwei Beamte versuchen dabei, die Kofferraum-Klappe zu schließen, obwohl die Beine des Mannes noch herausschauen.

Der Mann schreit vor Schmerzen, ein Augenzeuge ruft "Sie werden ihn umbringen". Der Mann bewegt auf dem Video noch etwa eine Minute seine Beine, dann wird er bewegungslos - die Polizisten beugen seine Beine und schließen den Kofferraum. Die Polizei erklärte später, der verstorbene Festgenommene habe sich auf dem Weg zum Polizeirevier "unwohl" gefühlt und sei ins Krankenhaus gebracht worden. Ob er da bereits tot war oder im Krankenhaus starb, blieb unklar. Laut Autopsie war die Todesursache "Ersticken".

Die brasilianische Polizei gilt als eine der brutalsten weltweit. Im vergangenen Jahr wurden bei verschiedenen Einsätzen nach Angaben von Aktivisten mehr als 6100 Menschen getötet.

(A.Nikiforov--DTZ)

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