Deutsche Tageszeitung - Angeklagter in Prozess um Messerattacke von Brokstedt weist Vorwürfe zurück

Angeklagter in Prozess um Messerattacke von Brokstedt weist Vorwürfe zurück


Angeklagter in Prozess um Messerattacke von Brokstedt weist Vorwürfe zurück
Angeklagter in Prozess um Messerattacke von Brokstedt weist Vorwürfe zurück / Foto: © POOL/AFP

Rund fünfeinhalb Monate nach der tödlichen Messerattacke in einem Regionalzug bei Brokstedt in Schleswig-Holstein hat am Freitag der Mordprozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Der 34-jährige Ibrahim A. bestritt die Vorwürfe in einer streckenweise wirren und unzusammenhängenden Aussage vor dem Landgericht in Itzehoe. "Die Anschuldigen stimmen nicht - das ist alles nicht richtig", sagte der Angeklagte dabei aus.

Textgröße ändern:

A. soll laut Anklage am 25. Januar während der Fahrt unvermittelt mit einem zuvor in einem Supermarkt gestohlenen Fleischermesser auf andere Fahrgäste eingestochen haben. Eine 17-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Freund starben, vier weitere Menschen im Alter zwischen 22 und 62 Jahren wurden teilweise lebensgefährlich verletzt und dauerhaft entstellt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten unter anderem zweifachen Mord und vierfachen Mordversuch vor. Sie geht dabei von Heimtücke und niedrigen Beweggründen aus. A. habe die Taten "zum Zwecke des Abreagierens seiner Frustration und seines Ärgers" über seine damals in vielfacher Hinsicht ungeklärte persönliche Lage verübt, sagte deren Vertreterin Janina Seyfert während der Verlesung der Anklage.

Demnach ereignete sich das Verbrechen während der Rückfahrt des Beschuldigten von einem vergeblichen Behördenbesuch in Kiel, wo der als Schutzsuchender seit 2014 legal in Deutschland lebende staatenlose Angeklagte erfolglos wegen der Verlängerung eines Dokuments vorgesprochen hatte. Er war erst wenige Tage zuvor in Hamburg aus etwa einjähriger Untersuchungshaft entlassen worden und galt als wohnungslos.

Laut Staatsanwaltschaft und Verteidigung wird die Frage der Schuldfähigkeit des Beschuldigten in dem bis Dezember angesetzten Verfahren mutmaßlich eine große Rolle spielen. Laut vorläufiger Einschätzung betrachtet die Anklage A. als schuldfähig und klagte den Fall entsprechend an. Die Verteidigung geht dagegen von einer psychischen Erkrankung aus, die sich auch bei der Tat ausgewirkt haben könnte.

Das schreckliche Geschehen an sich stehe nicht in Frage, sagte Verteidiger Björn Seelbach am Freitag im Prozess. "Es geht hier um die Frage der richtigen Sanktionen." Auch ein Sachverständiger habe A. eine psychotische Störung attestiert, strittig sei aber die Frage der Relevanz während der Tat. Aus rein medizinischer Sicht wäre die Unterbringung in einer Psychiatrie "sicherlich besser", sagte der Anwalt.

Nach Angaben Seelbachs handelte es sich auch bei den Ausführungen des Beschuldigten zu seiner angeblichen Unschuld auch für ihn um eine so nicht vorhersehbare Entwicklung. Während des Ermittlungsverfahrens habe A. die Tat noch eingeräumt. Der Rechtsanwalt sagte zugleich, dass sein Mandant in jüngerer Zeit wegen "Wahrnehmungen", die möglicherweise im Zusammenhang mit seiner Erkrankung stünden, nicht mehr mit ihm sprechen wolle. "Ich hoffe, das ändert sich noch."

A.s Attacken waren laut Anklage während eines Halts des Regionalzugs im Bahnhof von Brokstedt durch die Gegenwehr seines überlebenden letzten Opfers sowie das Einschreiten zweier Zeugen beendet worden. Der 34-Jährige wurde überwältigt und von Polizisten festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Die Tat löste Debatten unter anderem um die Sicherheit im Bahnverkehr und den Umgang mit verhaltensauffälligen Strafgefangenen aus.

Auch Kommunikationspannen zwischen den verschiedenen im Lauf der Jahre für A. zuständigen Ausländer- und Sicherheitsbehörden führten zu hitzigen Diskussionen, die Politik beschloss inzwischen Neuregelungen. Der Beschuldigte hatte in verschiedenen Bundesländern gelebt, darunter mehrere Jahre in Nordrhein-Westfalen. Er war polizeibekannt und wegen einiger eher kleiner Delikte vorbestraft. Auch Drogenprobleme standen im Raum. In Haft kam es Behörden zufolge zu Konflikten.

A. galt demnach etwa in Hamburg als schwieriger und teils aggressiver Gefangener. In einem Fall verglich er sich dort bei einer Auseinandersetzung auch mit dem islamistischen Attentäter Anis Amri, der 2016 bei einem Lastwagenanschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zwölf Menschen getötet hatte. Es gibt aber keine Hinweise auf islamistische Verbindungen oder einen terroristischen Hintergrund bei der Tat vom 25. Januar. Die Staatsanwaltschaft geht klar vor einem Verbrechen vor persönlichem Hintergrund aus.

(L.Barsayjeva--DTZ)

Empfohlen

Tödliche Attacke in Pariser Vorstadt: Hitlers "Mein Kampf" bei Angreifer gefunden

Nach dem offenbar rassistisch motivierten Anschlag im Großraum Paris mit einem Toten und fünf Verletzten haben die Ermittler in der Wohnung des mutmaßlichen Angreifers eine Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" gefunden. Das Buch sei bei einer Durchsuchung der Wohnung im westlich von Paris gelegenen Plaisir entdeckt worden, erfuhr die Nachrichtenagentur AFP am Samstag aus Ermittlerkreisen. Gefunden wurden außerdem eine Bibel und ein Koran.

Herbststurm "Luise" sorgt für Zugausfälle und Feuerwehreinsätze

Der Herbststurm "Luise" hat am Freitag im Westen und Südwesten Deutschlands für Beeinträchtigungen im Bahnverkehr und zahlreiche Feuerwehreinsätze gesorgt. In Nastätten in Rheinland-Pfalz kippte auf einem Stadtfest ein Gestell um, dabei wurden ein 58-Jähriger und ein 72-Jähriger schwer verletzt. Beide wurde mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen, wie die Polizei in Koblenz mitteilte.

Zehntausende in Taiwan nach Durchzug von Taifun "Champi" ohne Strom

Hunderte Verletzte, entwurzelte Bäume, zehntausende Haushalte ohne Strom: Der Taifun "Champi" ist über Taiwan hinweggefegt und hat dabei erhebliche Schäden in dem Inselstaat angerichtet. Zahlreiche Einsatzkräfte arbeiteten nach Angaben der Behörden am Samstag daran, die Stromversorgung für rund 56.000 Haushalte wiederherzustellen. Seit Donnerstag, als die ersten Warnungen vor dem Taifun ausgegeben wurden, kam ein Mensch ums Leben und etwa 500 weitere wurden verletzt.

Nach tödlichem Angriff auf Soldaten: Netanjahu droht Großoffensive im Westjordanland an

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat nach dem Tod von zwei Soldaten bei einem Angriff bewaffneter Palästinenser im besetzten Westjordanland eine großangelegte Militäroffensive angekündigt. Vier Tage vor der Parlamentswahl in Israel ordnete Netanjahu am Freitag eine "vollständige Abriegelung" des Palästinensergebiets an. Er stellte zudem eine Militäroffensive in Aussicht, wie es sie seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 nicht gegeben habe.

Textgröße ändern: