Deutsche Tageszeitung - "Drohende Gefahr" in Bayerns Polizeigesetz wird von Verfassungsgericht geprüft

"Drohende Gefahr" in Bayerns Polizeigesetz wird von Verfassungsgericht geprüft


"Drohende Gefahr" in Bayerns Polizeigesetz wird von Verfassungsgericht geprüft
"Drohende Gefahr" in Bayerns Polizeigesetz wird von Verfassungsgericht geprüft / Foto: © AFP/Archiv

Bayerns neues Polizeigesetz ist seit seinem Inkrafttreten umstritten - nun wird es vom Bundesverfassungsgericht geprüft. In der Karlsruher Verhandlung am Dienstag ging es vor allem um die Schwelle der "drohenden Gefahr", bei der die Polizei eingreifen darf. Vor Gericht werden Verstöße gegen "eine Vielzahl von Grundrechten" gerügt, wie dessen Präsident Stephan Harbarth sagte. (Az. 1 BvF 1/18 und 1 BvR 2271/18)

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In Bayern dürfen Polizeikräfte nämlich seit 2017 schon im Vorfeld einer möglichen Straftat verschiedene Überwachungsmaßnahmen ergreifen und beispielsweise Handys und Computer durchsuchen, Post beschlagnahmen oder jemanden observieren. Das gilt aber nur, wenn wichtige Rechtsgüter bedroht sind - also etwa die öffentliche Sicherheit oder Leben und Gesundheit von Menschen.

Gegen diese Neuregelung wandten sich schon 2018 zwei Gruppen an das Verfassungsgericht. Das waren zum einen die damals insgesamt 216 Bundestagsabgeordneten von Grünen, FDP und Linkspartei, zum anderen ein Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF). Sie befürchten, dass Grundrechte verletzt werden und Unbeteiligte zu Unrecht ins Visier der Polizei geraten könnten. Denn die drohende Gefahr sei nicht genau bestimmt.

Einige konkrete Fälle, in denen die Polizei angesichts einer drohenden Gefahr handelte, wurden in der Verhandlung besprochen. So berichteten Polizeibeamte über einen gewaltbereiten mutmaßlichen Islamisten in Unterfranken, der schlussendlich Deutschland verlassen habe. In einem anderen Fall ging es um einen bereits wegen Gewalttaten verurteilten Mann, der seiner früheren Partnerin hinterherspionierte.

Aber nicht nur die heimliche Überwachung wird vom Verfassungsgericht geprüft. Die Abgeordneten kritisieren auch, dass der sogenannte Präventivgewahrsam auf zwei Monate verlängert wurde. Das bedeutet, dass Menschen auf richterliche Anordnung festgehalten werden können, um Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten "von erheblicher Bedeutung für die Allgemeinheit" zu verhindern. Breit bekannt wurde diese bayerische Regelung, als Klimaaktivisten präventiv in Haft kamen.

Verhandelt wird in Karlsruhe außerdem über die Option, Spuren unbekannter Herkunft genetisch zu untersuchen. So sollen die bayerischen Ermittler Haut-, Haar- und Augenfarbe sowie Geschlecht und Alter herausfinden können. Schließlich geht es um die erweiterten Befugnisse von Spezialeinheiten, Explosivmittel wie Handgranaten einzusetzen. Zivilgesellschaftliche Organisationen befürchten, dass dabei auch Passanten getötet werden könnten, was als "Kollateralschaden" in Kauf genommen werde.

Der Anwalt der Politiker, Thorsten Kingreen, betonte vor Gericht, wie unüblich das Vorgehen von Abgeordneten des Bundestags gegen ein Landesgesetz sei - eine "absolute Ausnahme". Sie bezeichneten sich als "Allianz für den Rechtsstaat". Ihr Anwalt lobte zwar die bisherige Arbeit der bayerischen Polizei. Die zugrunde liegenden Regeln aber seien "so weit und unklar gefasst, dass sie auch ganz anders aufgefasst werden könnten als bislang", warnte er. In "andere, falsche Hände" dürften sie nicht fallen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verteidigte die Regelungen dagegen. Die Bevölkerung habe "die berechtigte Erwartung an den Staat, dass dieser in der Lage ist, sie effektiv zu schützen", sagte er. "Die Polizei darf nicht zuwarten müssen", bis tatsächlich etwas passiere. Herrmann verwies auf die Sorgen der Zeit, zu der das Gesetz entstand. Damals sei die Terrorgefahr hoch gewesen. 2016 wurde etwa ein Anschlag mit rassistischem Hintergrund auf ein Münchner Einkaufszentrum begangen, außerdem der islamistisch motivierte Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz.

Die Verhandlung sollte am Mittwoch fortgesetzt werden. Ein Urteil soll dann aber noch nicht fallen. Es wird meistens einige Wochen bis Monate nach der mündlichen Verhandlung verkündet.

(U.Stolizkaya--DTZ)

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