Deutsche Tageszeitung - Prozess zum tödlichen Einsturz der Morandi-Brücke in Genua geht zu Ende

Prozess zum tödlichen Einsturz der Morandi-Brücke in Genua geht zu Ende


Prozess zum tödlichen Einsturz der Morandi-Brücke in Genua geht zu Ende
Prozess zum tödlichen Einsturz der Morandi-Brücke in Genua geht zu Ende / Foto: © AFP

Fast acht Jahre nach dem tödlichen Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke im norditalienischen Genua steht der Abschluss des Mammut-Prozesses bevor. Nach dem mehrjährigen Verfahren kündigte das Gericht in Genua am Donnerstag an, seine Urteile zu dem Unglück mit 43 Todesopfern am Nachmittag zu verkünden. Der Großteil der fast 60 Angeklagten erschien dazu nicht vor Gericht. Eine Vertreterin der Opfer-Angehörigen kritisierte das vollständige Fehlen von Schuldeingeständnissen in dem Prozess.

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Das Gerichtsverfahren hatte vier Jahre gedauert, es gab 283 Anhörungen. Für den Mega-Prozess war im Hof des Gerichts von Genua ein Zelt errichtet worden. Mit seinen Urteilen soll das Gericht nun klären, ob die Betreiber der Morandi-Brücke das tödliche Unglück hätten verhindern können.

Die Staatsanwaltschaft hat für die 57 Angeklagten insgesamt mehr als 400 Jahre Gefängnis gefordert wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung. Bei den Angeklagten handelt es sich überwiegend um Führungskräfte des Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia (Aspi) und dessen Tochterunternehmen Spea sowie um Angestellte des italienischen Infrastrukturministeriums. Nur zwölf von ihnen willigten ein, auf Fragen der Richter zu antworten. 21 machten spontane Aussagen.

Die Vorsitzende des Opferangehörigen-Komitees, Egle Possetti, sagte am Donnerstag bei ihrer Ankunft am Gericht: "Diese Tragödie hat unser Vertrauen in den Staat ins Wanken gebracht." Die Arbeit der Ermittler und des Gerichts habe jedoch wieder Hoffnung gemacht. "Wir werden heute sehen, ob all die Arbeit Früchte tragen wird in Form von Verurteilungen", fügte Possetti hinzu.

Sie hatte bei dem Brückeneinsturz ihre Schwester, einen Neffen, eine Nichte und ihren Schwager verloren und trat in dem Mammut-Prozess zu dem Unglück als Nebenklägerin auf. Possetti kritisierte, während der langen Gerichtsverhandlung habe "keine einzige Person gesagt: 'Ich trage einen Teil der Verantwortung'". "Das war hart", fügte sie hinzu.

Am 14. August 2018 hatte ein Pfeiler der Morandi-Brücke nachgegeben, sodass die Fahrbahn des vielbefahrenen, riesigen Bauwerks auf einer Strecke von etwa 200 Metern wegbrach. Dutzende Fahrzeuge stürzten in die Tiefe. Nach Angaben des Ermittlungsrichters waren seit der Einweihung der Brücke 1967 "nicht einmal minimale Instandhaltungsmaßnahmen ergriffen" worden, um die Tragseile von Pfeiler Nummer neun zu verstärken.

Dass der Betonstahl der 1,2 Kilometer langen Brücke spröde war, war bekannt. An den baugleichen Pfeilern zehn und elf waren Arbeiten vorgenommen worden. Für Pfeiler Nummer neun war eine Renovierung vorgesehen. "Die Morandi-Brücke war eine Zeitbombe. Sie konnten es ticken hören, aber sie wussten nicht, wann sie explodieren würde", sagte Staatsanwalt Walter Cotugno während des Verfahrens.

Dem damaligen Generaldirektor von Aspi, Giovanni Castellucci, wird vorgeworfen, die Arbeiten an dem später eingestürzten Pfeiler Nummer neun verschoben zu haben. Ihm drohen 18 Jahre Haft.

Nach Darstellung eines seiner Anwälte, Giovanni Paolo Accinni, wird Castellucci zum "Sündenbock" gemacht. Dieser habe darauf beharrt, dass Arbeiten zur Verstärkung des Brückenpfeilers vorgenommen würden, sagte der Anwalt der italienischen Presse.

Die Verteidigung vertritt die These, dass ein versteckter Baufehler zum Einsturz geführt habe und nicht mangelnde Wartung: die Korrosion der Tragseile, die sich unter einer Betonummantelung befanden.

Castellucci sitzt bereits im Gefängnis. Er wurde wegen eines Verkehrsunglücks verurteilt, bei dem 2013 ein Bus ein Brückengeländer in Süditalien durchbrochen hatte und in die Tiefe gestürzt war. Damals starben 40 Menschen.

Der Einsturz der Morandi-Brücke warf auch ein Schlaglicht auf den maroden Zustand von Italiens Verkehrsinfrastruktur und die fragwürdige Rolle von Aspi. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, die Instandhaltung des Bauwerks zur Kostenersparnis vernachlässigt zu haben. Schon im Jahr 2009 war über einen Abriss nachgedacht worden. Doch jedes Jahr fuhren 25 Millionen Autos weiter über die Morandi-Brücke, die Teil der von Touristen vielgenutzten sogenannten Blumenautobahn A10 an der italienischen Riviera war.

Der Autobahnbetreiber Aspi und das für die Instandhaltung zuständige Unternehmen Spea stehen allerdings nicht vor Gericht. Sie hatten einen außergerichtlichen Vergleich mit der Staatsanwaltschaft erzielt, der die Zahlung von 29 Millionen Euro an den Staat vorsieht.

Aspi wie Spea gehörten zum Zeitpunkt der Katastrophe der Unternehmensgruppe Atlantia, die von der Unternehmerfamilie Benetton kontrolliert wurde. Diese gab ihre Anteile im Mai 2022 auf Druck von Politik und Öffentlichkeit an den Staat ab.

Nur wenige Kilometer vom Gericht entfernt, über einem Mahnmal für die Opfer der Katastrophe, steht seit 2020 eine neue Autobahn-Brücke. Sie wurde nach Plänen von Star-Architekt Renzo Piano erbaut. "Diese Brücke soll tausend Jahre halten und aus Stahl sein", hatte der aus Genua stammende Architekt vorab verkündet.

(B.Izyumov--DTZ)

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