Eineinhalb Millionen Betroffene: Leopoldina fordert bessere Therapien bei Long-Covid
Auch mehrere Jahre nach dem Ende der Coronapandemie gibt es Experten zufolge erhebliche Versorgungslücken bei der Behandlung von Spätfolgen wie Long-Covid. Betroffene würden nach wie vor falsch diagnostiziert und fänden keine ausreichenden Therapiemöglichkeiten bei Ärzten und in Hochschulambulanzen, erklärte die Wissenschaftsakademie Leopoldina in einer am Donnerstag veröffentlichten Stellungsnahme zu postinfektiösen Erkrankungen.
In Deutschland leben demnach mehr als eineinhalb Millionen Menschen mit Long-Covid oder dem Erschöpfungssydndrom ME/CFS. Nach einer überstandenen Virusinfektion leiden sie noch monate- oder jahrelang an Symptomen wie Schmerzen, Erschöpfung, kognitiven Störungen oder Atem- und Kreislaufbeschwerden. Einige können ihren Beruf nicht mehr ausüben, die Wohnung nicht verlassen oder sind sogar ans Bett gefesselt und pflegebedürftig.
Betroffene finden bisher nur unzureichende Versorgung, wie die Leopoldina in ihrer Stellungnahme schreibt. "Viele warten lange auf die Diagnose", sagte Carmen Scheibenboden, Immunologin an der Berliner Charité, auf einer Pressekonferenz der Gesellschaft in Berlin. Die vor drei Jahren verabschiedeten Richtlinien zur Versorgung von Long-Covid-Patienten seien bisher "kaum umgesetzt". Es fehle an Spezialambulanzen in den Universitätskliniken, aber auch an geschulten Ärzten und Pflegepersonal.
Viele Betroffene seien zudem nicht in der Lage, eine Praxis aufzusuchen, weil ihnen selbst alltägliche Dinge schwer fielen. Scheibenboden berichtete auch über Suizidgedanken bei Patienten. "Long-Covid ist nicht vorbei", warnte sie. Ein Mensch könne drei Corona-Infektionen gut überstanden haben "und bei der vierten immer noch Long-Covid entwickeln".
Die Leopoldina empfiehlt unter anderem eine standardisierte Diagnostik der Erkrankung sowie die Erhebung von Daten etwa über die elektronische Patientenakte für Forschungszwecke. Dies könnte beispielsweise bei der Entwicklung von sogenannten Biomarkern helfen, um Risikopatienten zu identifizieren und die Forschung an Medikamenten und Therapien zu unterstützen.
Aus Datenschutzgründen sei dies derzeit nicht möglich, sagte Leopoldina-Vizepräsidentin Regina Riphahn. "Die Erfahrungen mit Long-Covid können dazu beitragen, sich auf künftige Pandemien vorzubereiten und schneller Strategien für die Versorgung postinfektiöser Erkrankungen zu entwickeln beziehungsweise diese zu vermeiden."
Post Covid oder Long Covid beschreibt die Langzeitfolgen, die nach einer Sars-CoV-2-Infektion bei Erwachsenen, seltener auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten können. Häufig tritt auch das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) auf. Dabei handelt es sich um eine neuroimmunologische Erkrankung, die oft mit schwerer Erschöpfung und Schmerzen einhergeht. Mit der Coronapandemie war die Zahl der Betroffenen deutlich gestiegen.
Bislang gibt es keine speziell zugelassenen Medikamente für die Behandlung von Long-Covid. Verschiedene Arzneimitteln können die Symptome lindern. Zudem können vier Wirkstoffe, die eigentlich beispielsweise für Diabetes und Herzschwäche zugelassen sind, auch außerhalb davon bei Betroffenen eingesetzt werden.
(V.Sørensen--DTZ)