Deutsche Tageszeitung - Impfstrategie der Bundesregierung erntet harsche Kritik

Impfstrategie der Bundesregierung erntet harsche Kritik


Impfstrategie der Bundesregierung erntet harsche Kritik
Impfstrategie der Bundesregierung erntet harsche Kritik / Foto: ©

Das Vorgehen der Bundesregierung bei der Beschaffung und Verteilung des Corona-Impfstoffes stößt auf wachsende Kritik. "Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen", sagte die Neurologin Frauke Zipp, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der "Welt" vom Samstag. Politiker aus Opposition und SPD äußerten sich ebenfalls unzufrieden. Ärzteverbände fordern eine Verlängerung des Lockdowns.

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Die Corona-Impfungen hatten in Deutschland am 27. Dezember offiziell begonnen. Bis einschließlich Donnerstag wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) 165.575 Menschen einmal geimpft. Für den vollen Schutz sind zwei Impfungen nötig.

"Warum hat man im Sommer nicht viel mehr Impfstoff auf Risiko bestellt?", fragte Zipp in der "Welt". Mit genügend Impfstoff könnten 60 Prozent der Bevölkerung in zwei bis drei Monaten immunisiert werden, sagte die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universität Mainz.

"Die Kritik an der Impfstoffbeschaffung ist sehr ernst zu nehmen", sagte FDP-Generalsekretär Volker Wissing der Zeitung. "Wir sehen am Beispiel Israels und anderer Länder, dass es möglich ist, schneller zu impfen. Die Bundesregierung muss sehr gut erklären, warum das in Deutschland so schleppend läuft." Auch Linken-Chef Bernd Riexinger zeigte sich "schon ein wenig verwundert, wie wenig Impfdosen die EU bestellt hat".

Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche sagte der "Welt", es wäre aus heutiger Sicht besser gewesen , "mehr und verschiedene Impfstoffe" auf Risiko zu bestellen. Allerdings verwies sie darauf, dass sich im Sommer auch das Biontech-Vakzin noch in den Testphase befunden habe.

Der AfD-Forschungspolitiker Götz Frömming erklärte in Berlin, "das zögerliche Handeln der Bundesregierung führt nun dazu, dass Deutschland später wieder zur Normalität zurückkehren wird als andere Länder".

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Rheinischen Post", offenbar habe die Regierung zu sehr auf spätere und vielleicht preiswertere Impfstoffe gehofft. "Wenn Deutschland selbst oder die EU von vornherein mehr Biontech-Impfdosen bestellt hätte, wären wir jetzt schon deutlich weiter." Lauterbach forderte eine schnelle Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca - notfalls im deutschen Alleingang.

Vom Bundesgesundheitsministerium gab es am Samstag keine Stellungnahme zu der Kritik. Eine Sprecherin verwies auf AFP-Anfrage auf Äußerungen von Minister Jens Spahn (CDU) vom Mittwoch. Dabei hatte er vereinzelte Probleme eingeräumt und zugleich auf die erwartete Zulassung weiterer Impfstoffe und den für Februar geplanten Start einer weiteren Produktionsstätte für das Präparat von Biontech und Pfizer verwiesen.

Fachleute rechnen indes nicht mit einer schnellen Entspannung der Lage. "Bei allem Optimismus muss uns klar sein, dass durch die Impfung zumindest in den ersten drei Monaten des neuen Jahres kaum Entlastung für das Infektionsgeschehen zu erwarten ist", sagte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Sie forderte vor der Bund-Länder-Runde am Dienstag eine Verlängerung des harten Lockdowns, der aktuell bis zum 10. Januar gilt.

Ähnlich äußerte sich der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens. Es sollten "bis zu einem Inzidenzwert von unter 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche keine Lockerungen in Aussicht" gestellt werden, sagte er der "Rheinischen Post".

Nach Angaben des RKI vom Samstag liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im deutschlandweiten Durchschnitt derzeit bei 141,2. Am Vortag wurden demnach 12.690 Neuinfektionen gemeldet sowie 336 Corona-Todesfälle.

(P.Tomczyk--DTZ)

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