Deutsche Tageszeitung - Papst und Schiitenführer Sistani werben bei historischem Treffen für Frieden

Papst und Schiitenführer Sistani werben bei historischem Treffen für Frieden


Papst und Schiitenführer Sistani werben bei historischem Treffen für Frieden
Papst und Schiitenführer Sistani werben bei historischem Treffen für Frieden / Foto: ©

In einer historischen Begegnung ist Papst Franziskus am zweiten Tag seiner Irak-Reise von dem einflussreichen Schiitenführer Ayatollah Ali Sistani empfangen worden. Das Treffen in der Stadt Nadschaf am Samstag war ein Meilenstein in den Bemühungen des Papstes um den Dialog mit anderen Religionen. In der antiken Stadt Ur betete Franziskus anschließend für Frieden im Nahen Osten, bevor er in Bagdad eine Messe feierte.

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Sistani ist das geistliche Oberhaupt für Millionen Schiiten weltweit. Er sagte dem Oberhaupt der Katholiken zu, persönlich darauf zu achten, "dass die christlichen Bürger wie alle Iraker in Frieden und Sicherheit leben, mit all ihren verfassungsmäßigen Rechten".

Nach dem 50-minütigen Treffen veröffentlichte das Büro des 90-Jährigen neben einer offiziellen Erklärung ein Foto der Begegnung. Sistani lebt äußerst zurückgezogen und empfängt nur selten Besuch.

Der Dialog mit dem Islam bildet einen Schwerpunkt von Franziskus’ Pontifikat. Er hat bereits mehrere sunnitische Geistliche aus überwiegend muslimischen Ländern getroffen, unter anderem aus Bangladesch, Marokko, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Nach seinem Gespräch mit Sistani reiste Franziskus zu einem Treffen mit Vertretern unterschiedlicher Religionsgruppen in die antike Stadt Ur. Der Ort in der Wüste des Südirak ist laut biblischer Überlieferung die Geburtsstätte Abrahams, des Stammvaters von Juden, Christen und Muslimen. Der Papst rief die Menschen weltweit, aber vor allem in der Region dazu auf, den "Weg des Friedens" zu gehen.

Frieden erfordere weder Sieger noch Besiegte, sondern Brüder und Schwestern, die "trotz der Missverständnisse und Wunden der Vergangenheit den Weg vom Konflikt zur Einheit gehen", sagte der Papst. "Bitten wir darum im Gebet für den ganzen Nahen Osten, und ich denke dabei besonders an das gepeinigte Nachbarland Syrien."

Über dem Irak hätten sich in den vergangenen Jahren "die dunklen Wolken des Terrorismus, des Krieges und der Gewalt zusammengebraut", sagte Franziskus laut der offiziellen Übersetzung seiner Ansprache. Alle ethnischen und religiösen Gemeinschaften hätten darunter gelitten. An dem Treffen nahmen Schiiten und Sunniten, Jesiden und Vertreter anderer christlicher Religionen teil, außerdem Zoroastrier, Mandäer, Kakai und Bahai.

Franziskus erinnerte besonders an die jesidische Gemeinschaft, die unter der Herrschaft der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) "den Tod vieler Männer zu beklagen hatte und mit ansehen musste, wie tausende Frauen, Mädchen und Kinder entführt, als Sklaven verkauft sowie körperlicher Gewalt und Zwangskonvertierungen unterworfen wurden".

Der Papst verurteilte "Feindseligkeit, Extremismus und Gewalt". Diese seien "Verrat an der Religion". Gläubige dürften nicht schweigen, wenn der Terrorismus die Religion missbrauche, mahnte er. Vielmehr müssten "Gewissensfreiheit und die Religionsfreiheit überall respektiert und anerkannt werden", forderte er. Dies seien "Grundrechte".

Seine erste Messe nach dem Ritus der Ostkirchen hielt Franziskus am Samstagabend in der chaldäischen St.-Josefs-Kathedrale in Bagdad. Wegen der Corona-Restriktionen durfte nur eine begrenzte Zahl an Gläubigen sowie Regierungsvertretern an der Papstmesse teilnehmen. Am Sonntag will Franziskus die frühere IS-Hochburg Mossul besuchen und in Erbil in der autonomen Kurdenregion im Nordirak eine weitere Messe feiern.

Bei Franziskus’ Reise handelt es sich um den ersten Besuch eines katholischen Kirchenoberhaupts im Irak. Es ist auch die erste Auslandsreise des Papstes seit Beginn der Corona-Pandemie.

Die christliche Gemeinschaft im Irak ist eine der ältesten und vielfältigsten der Welt und umfasst unter anderem chaldäische, assyrische, syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Christen sowie Protestanten.

Im Irak lebten Anfang der 2000er Jahre noch rund 1,5 Millionen Christen, heute sind es nur noch etwa 400.000. In den vergangenen 20 Jahren flohen viele Christen vor religiös motivierten Angriffen und insbesondere vor islamistischer Gewalt.

(P.Tomczyk--DTZ)

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