Deutsche Tageszeitung - Gutachter des Erzbistums Köln verwundert über Vorwurf der Verschleppung

Gutachter des Erzbistums Köln verwundert über Vorwurf der Verschleppung


Gutachter des Erzbistums Köln verwundert über Vorwurf der Verschleppung
Gutachter des Erzbistums Köln verwundert über Vorwurf der Verschleppung / Foto: ©

Der vom Erzbistum Köln mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im größten deutschen Bistum beauftragte Strafrechtler Björn Gercke hat sich verwundert über die massive Kritik am dortigen Aufarbeitungsprozess gezeigt. In Köln sei das erste Gutachten unter allen deutschen Bistümern in Auftrag gegeben worden, das konkrete Pflichtverletzungen von Geistlichen und Verantwortungsträgern aufarbeite und diese auch namentlich benenne, sagte Gercke am Donnerstag in der Domstadt. Insofern "wundert es ein wenig, dass man sich mit dem Vorwurf der Verschleppung gerade das Bistum Köln zur Zielscheibe macht".

Textgröße ändern:

Gercke sagte, auf Grundlage der Aktenprüfung hätten sich 202 Beschuldigte ergeben und 314 Opfer sexuellen Missbrauchs. Von den mutmaßlichen Tätern seien 63 Prozent Kleriker gewesen - das heißt, 127 Priester machten sich im größten deutschen Bistum des Missbrauchs schuldig. Mehr als die Hälfte der Opfer seien Kinder im Alter unter 14 Jahren gewesen, ein mit 57 Prozent größerer Anteil der Opfer seien Jungen gewesen.

Gercke und seine Mitgutachterin Kerstin Stirner kritisierten scharf die Dokumentation im Erzbistum. Es habe "erhebliche Mängel" bei der Dokumentation gegeben, sagte Gercke. Teilweise seien Akten vernichtet worden. Stirner sagte, es habe sich ein Bild ergeben, "dass über viele Jahre von Chaos, subjektiver Unzuständigkeit und Missverständnissen" geprägt gewesen sei. Dies habe sich erst im Jahr 2015 mit der von Kardinal Rainer Maria Woelki eingerichteten Interventionsstelle geändert. In den Jahren davor war der verstorbene Kardinal Joachim Meisner verantwortlich.

Der Kölner Strafrechtler Gercke stellte sein seit Oktober erarbeitetes Gutachten zu der Frage vor, wo es im Zeitraum von 1975 bis 2018 im Erzbistum zu Fehlern beim Umgang mit Missbrauchstaten kam ist und wer hierfür die Verantwortung trägt. Mit Spannung wird erwartet, wen er als Verantwortliche benennt. In den vergangenen Wochen gab es Vertuschungsvorwürfe gegen Kardinal Woelki und den Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der früher in Köln Personalverantwortlicher war.

Kardinal Woelki kannte die Ergebnisse des 800-seitigen Gutachtens nach den Worten eines Sprechers des Erzbistusms im Vorfeld der seit Donnerstagvormittag laufenden Vorstellung nicht. Woelki will das Gutachten nach der Veröffentlichung in den kommenden Tagen mit den Kölner Kirchengremien diskutieren und dann am kommenden Dienstag mögliche personelle Konsequenzen verkünden - im Raum stehen Beurlaubungen von Verantwortungsträgern, aber auch persönliche Konsequenzen Woelkis.

(P.Tomczyk--DTZ)

Empfohlen

Vor Krisensitzung der Innenminister: EU-Kommissar ruft zu Geschlossenheit auf

Vor der Krisensitzung der EU-Innenminister wegen des Massenandrangs von Migranten auf die spanische Exklave Ceuta hat der zuständige EU-Kommissar Magnus Brunner die Mitgliedsländer zur Geschlossenheit aufgerufen. "Jetzt kommt es darauf an, dass die EU geeint handelt", sagte er der "Augsburger Allgemeinen" (Dienstagsausgabe). Die Lage in Ceuta sei ein Härtetest für die Sicherheit der europäischen Außengrenzen gewesen. "Europa hat diesen Test fürs Erste bestanden, da niemand in den Schengenraum gelangt ist."

Streit um Abschaffung der "Rente mit 63": Frei sieht keinen Verhandlungsspielraum

Im Streit um die "Rente mit 63" hat Unions-Fraktionschef Thorsten Frei Forderungen nach Änderungen an der Rentenreform zurückgewiesen. Bei der geplanten Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte sehe er keinen Verhandlungsspielraum, sagte er dem Fernsehsender Welt. Ansonsten könnte die gesamte Rentenreform scheitern. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) betonte am Dienstag, dass es bei den Änderungsforderungen aus Ostdeutschland nicht darum gehe, "die Rentenreform insgesamt infrage zu stellen".

Bundestags-Innenausschuss befasst sich mit Berliner CSD-Anschlag

Der Innenausschuss des Bundestages befasst sich am Dienstag (13.00 Uhr) mit dem Anschlag am Rande der Demonstration zum Christopher Street Day (CSD) in Berlin am 25. Juli. An der Sitzung, die per Videokonferenz stattfindet, will auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) teilnehmen, außerdem Vertreterinnen und Vertreter von Sicherheitsbehörden.

EU-Innenminister kommen wegen Ceuta-Krise zu Dringlichkeitssitzung zusammen

Nach dem Massenandrang von Migranten in der spanischen Exklave Ceuta in der vergangenen Woche kommen die EU-Innenminister am Dienstag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Laut der irischen Ratspräsidentschaft werden sich die Minister in einer Videokonferenz mit den Geschehnissen in der Exklave in Nordafrika befassen. Diese hatten heftigen Streit innerhalb der EU um die Migrationspolitik ausgelöst.

Textgröße ändern: