Deutsche Tageszeitung - Britischer Ex-Parlamentspräsident Bercow wechselt die Seiten

Britischer Ex-Parlamentspräsident Bercow wechselt die Seiten


Britischer Ex-Parlamentspräsident Bercow wechselt die Seiten
Britischer Ex-Parlamentspräsident Bercow wechselt die Seiten / Foto: ©

Der für seine markanten "Order"-Rufe bekannte frühere britische Parlamentspräsident John Bercow hat politisch die Seiten gewechselt: Der ehemalige Abgeordnete der konservativen Tories verkündete am Sonntag, er sei der oppositionellen Labour-Partei beigetreten. Seine ehemaligen Parteikollegen und besonders Premierminister Boris Johnson kritisierte er heftig.

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Die Tories unter Johnson seien "reaktionär, populistisch, nationalistisch und manchmal sogar fremdenfeindlich", sagte Bercow dem "Observer". Die Regierung müsse abgelöst werden; und nur die Labour-Partei sei in der Lage, dieses Ziel zu erreichen.

Der langjährige Präsident des Unterhauses bezeichnete Johnson als "erfolgreichen Wahlkämpfer, aber miserablen Regierungschef". Der Premierminister habe keine Vision für eine "gerechtere Gesellschaft". Immer mehr Menschen hätten es satt, "Lügen und leere Parolen" zu hören.

In einem Interview mit dem Fernsehsender Sky News stichelte der 58-Jährige auch explizit gegen Gesundheitsminister Matt Hancock, der für seinen Umgang mit der Corona-Pandemie derzeit in der Kritik steht. Labour-Chef Keir Starmer hingegen bezeichnete er als "eine ehrliche, anständige Person".

Bercow war zwölf Jahre lang konservativer Abgeordneter, bevor er 2009 zum jüngsten Parlamentspräsidenten der Geschichte gewählt wurde. Mit seinem eigenwilligen Stil als "Speaker" stand er lange Zeit im Zentrum der äußerst emotional geführten Parlamentsdebatten rund um den Brexit. Seine legendär gewordenen "Order"-Rufe, mit denen er die Abgeordneten zur Ruhe ermahnte, hallten mehr als 14.000 Mal durch das Londoner Unterhaus.

Im September 2019 kündigte er seinen Rücktritt an. Laut Statuten des Unterhauses ist der Parlamentspräsident zur Neutralität verpflichtet und muss mit Amtsantritt seine Partei verlassen. Nach eigenen Angaben trat Bercow nach seinem Rücktritt nicht erneut den Tories bei. Vor ein paar Wochen sei er nun Labour beigetreten, weil er die Werte und Ideale der Oppositionspartei teile.

Befürworter des britischen EU-Austritts werfen Bercow vor, als Parlamentspräsident die Ratifizierung des Austrittsabkommens bewusst verzögert zu haben. Dieser erklärte dazu, er habe niemals Partei ergriffen. Sein Auftreten und mehrere seiner Entscheidungen brachten ihm aber vor allem Lob von Pro-Europäern ein.

Im vergangenen August verweigerte ihm Premierminister Johnson einen Sitz britischen Oberhaus. Bercow ist damit der erste "Speaker" in mehr als zwei Jahrhunderten, dem diese Ehre nicht zuteil wurde.

Ein Bericht aus dem Jahr 2018 beschuldigt Bercow zudem, einer Parlamentskultur vorgestanden zu haben, in der "Mobbing, Belästigung und sexuelle Belästigung" gedeihen konnten. "Ich denke, diese Andeutung (...) ist völlig falsch", sagte er Sky News. Es habe eine einzige Beschwerde über ihn gegeben, die abgewiesen worden sei.

Der hochrangige Labour-Abgeordnete John McDonnell bezeichnete Bercows Behandlung der Abgeordneten als "skrupellos fair". "Er hat unseren Respekt gewonnen, besonders für seinen Kampf, die Rechte des Parlaments zu schützen. Ich heiße ihn von ganzem Herzen in der Labour-Partei willkommen", twitterte McDonnell.

Die Konservativen versuchten derweil, die Bedeutung von Bercows Abgang herunterzuspielen. "Um John Bercow gegenüber fair zu sein, ich denke, er hat die Konservative Partei schon vor langer Zeit verlassen", sagte Justizminister Robert Buckland zu Sky News.

(S.A.Dudajev--DTZ)

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