Deutsche Tageszeitung - Aufständische nehmen weitere Gebiete in äthiopischer Krisenregion Tigray ein

Aufständische nehmen weitere Gebiete in äthiopischer Krisenregion Tigray ein


Aufständische nehmen weitere Gebiete in äthiopischer Krisenregion Tigray ein
Aufständische nehmen weitere Gebiete in äthiopischer Krisenregion Tigray ein / Foto: ©

Nach der von der Regierung verkündeten einseitigen Waffenruhe haben die Aufständischen in der äthiopischen Konfliktregion Tigray weitere Gebiete eingenommen. Die Kämpfer der früheren abtrünnigen Regierung von Tigray übernahmen am Dienstag die Kontrolle über die Stadt Shire etwa 140 Kilometer nordwestlich der Regionalhauptstadt Mekele, wie aus Sicherheitskreisen der UNO verlautete. Am Montag waren die Kämpfer bereits in Mekele einmarschiert. Stunden später hatte Addis Abeba eine sofortige Feuerpause ausgerufen.

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Die Kämpfer der Tigray-Verteidigungstruppen (TDF) "kontrollieren nun den größten Teil der Region, einschließlich großer Städte", erklärte das Politikinstitut International Crisis Group (ICG). In der Nacht zu Dienstag hatte die frühere Regierung Tigrays erklärt, sie werde die Kämpfe fortsetzen, bis das gesamte Gebiet wieder unter ihrer Kontrolle ist. Die Berichte über Gebietseroberungen sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen, da sämtliche Kommunikationswege in Tigray unterbrochen sind.

Die Ankündigung der früheren Regierung von Tigray gibt wenig Hoffnung, dass die von Addis Abeba erklärte Waffenruhe zu einem Ende des Konflikts führt. Die Feuerpause ist nach Angaben der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed an keinerlei Bedingungen geknüpft und gilt bis zum Ende der Erntezeit. Sie solle den Bauern in der Region die Arbeit auf ihren Äckern sowie die Lieferung von Hilfsgütern ermöglichen. Die in Tigray aktive Volksbefreiungsfront TPLF solle so "den Weg des Friedens wieder einschlagen" können.

Äthiopische Regierungstruppen hatten im November die in Tigray regierende TPLF angegriffen. Abiy, der 2019 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, begründete den Einmarsch damit, dass Aufständische zuvor Militärbasen angegriffen hätten. Kurz darauf erklärte er die TPLF für besiegt. Doch auch Monate später gingen die Kämpfe weiter. Immer wieder gab es Berichte über Gewaltexzesse auf beiden Seiten und zahlreiche zivile Opfer.

In einer dramatischen Wende eroberten Kämpfer der TDF am Montag Mekele wieder zurück. Die von der Zentralregierung in Addis Abeba eingesetzte Übergangsverwaltung und die Regierungstruppen waren zuvor geflohen. Monatelang hatte die TDF keine Kontrolle über größere Städte. Die Anführer hatten jedoch wiederholt erklärt, dass sich die TDF in abgelegenen ländlichen Gebieten neu formiere.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerk Unicef zerstörten Soldaten der Regierungsarmee vor der Eroberung Mekeles noch Satellitenausrüstung der UN-Unterorganisation. Am Abend waren übereinstimmenden Augenzeugenberichten zufolge Freudenschüsse in Mekele zu hören. Die Einwohner der Stadt feierten demnach auf den Straßen.

Der staatsnahe Sender Fana meldete, der Chef der Übergangsverwaltung von Tigray, Abraham Belay, habe Addis Abeba selbst dazu aufgerufen, aus humanitären Gründen einer Waffenruhe zuzustimmen. Dies sei nötig, damit der Konflikt "nicht noch mehr Schaden" anrichte.

Auch UN-Generalsekretär António Guterres hatte nach eigenen Angaben Abiy zur Einstellung der Kämpfe aufgerufen. Er bezeichnete die jüngsten Entwicklungen am Montag als "extrem besorgniserregend". Sie zeigten, dass es keine militärische Lösung für die Krise gebe.

Die mehr als fünf Millionen Einwohner der nordäthiopischen Region sind seit November weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Hilfsorganisationen zufolge leiden in Folge der Kämpfe 350.000 Menschen in Tigray unter einer Hungersnot.

Die USA, Irland und Großbritannien beantragten eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zum Tigray-Konflikt. Das Treffen könnte am Freitag stattfinden, hieß es aus Diplomatenkreisen. Seit dem Beginn des Konflikts vor acht Monaten gab es dazu noch keine öffentliche Sitzung des mächtigsten UN-Gremiums, weil mehrere Mitglieder - darunter Russland, China und mehrere afrikanische Staaten - ihn als interne Angelegenheit Äthiopiens ansehen.

(P.Tomczyk--DTZ)

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