Deutsche Tageszeitung - Indigene Frau übernimmt in Chile Vorsitz der Verfassungsversammlung

Indigene Frau übernimmt in Chile Vorsitz der Verfassungsversammlung


Indigene Frau übernimmt in Chile Vorsitz der Verfassungsversammlung
Indigene Frau übernimmt in Chile Vorsitz der Verfassungsversammlung / Foto: ©

In einem historischen Schritt hat die verfassunggebende Versammlung in Chile eine Vertreterin der indigenen Minderheiten zur Vorsitzenden des Konvents gewählt. "Diese Versammlung wird Chile verändern", kündigte Elisa Loncón vom Volk der Mapuche am Sonntag an. Die 58-jährige Linguistin hatte die Abstimmung im zweiten Wahlgang mit 96 von 155 Stimmen gewonnen.

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"Es ist ein Traum unserer Vorfahren und dieser Traum wird wahr: Es ist möglich (...), Chile neu zu gründen", sagte Loncón, die bei ihrer Rede eine Mapuche-Flagge in der Hand hielt. Sie werde sich dafür einsetzen, dass die Verfassung der Pluralität des Landes gerecht werde, dass soziale Rechte wie das Recht auf Wasser und die Sorge um die "Mutter Erde" aufgenommen würden.

Loncón wurde in der Region Araukanien im Süden Chiles geboren, wo die meisten Mapuche leben. Die Tochter einer Hausfrau und eines Möbelhändlers studierte in Chile, den Niederlanden, Kanada und Mexiko und hält unter anderem einen Doktortitel der Universität Leiden in den Niederlanden.

Nach ihrer Rückkehr nach Chile war sie an verschiedenen Hochschulen tätig, derzeit arbeitet sie an der Universität der Hauptstadt Santiago. Loncón gilt als Expertin für interkulturelle, zweisprachige Erziehung und ist eine entschiedene Verfechterin der Rechte der Mapuche.

Die 58-jährige war als eine von 17 indigenen Vertretern in den Konvent gewählt worden, der in den kommenden Monaten eine neue Verfassung ausarbeiten wird. Die Abschaffung der bisherigen Verfassung zählte zu den zentralen Forderungen der Massenproteste ab Oktober 2019. In einem historischen Referendum stimmten im Oktober 2020 mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten in dem südamerikanischen Land dafür, dass es eine neue Verfassung geben soll.

Chiles rechtsgerichteter Präsident Sebastián Piñera wünschte Loncón "Weisheit, Besonnenheit und Stärke" bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung.

Vize-Vorsitzender der Versammlung wurde der Verfassungsrechtler Jaime Bassa. Er sagte, der Konvent habe die schwierige Aufgabe, "Wunden zu heilen, die durch die gesellschaftlichen Prozesse entstanden sind, die uns hierher gebracht haben". Bei den Protesten ab Herbst 2019 waren mehr als 30 Menschen getötet und tausende Verletzt worden, die Polizei geriet wegen exzessiver Gewaltanwendung in die Kritik.

Die Ausarbeitung der neuen Verfassung hatte am Sonntag von Tumulten begleitet begonnen. Die Mitglieder der Versammlung unterbrachen die Sitzung kurzzeitig, weil es vor dem ehemaligen Parlamentsgebäude zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten kam. Ein Teil der 155 Delegierten ging auf die Straße und forderte den Abzug der Spezialkräfte.

Die aktuelle Verfassung stammt aus dem Jahr 1980 und damit noch aus der Zeit des Militärdiktators Augusto Pinochet (1973-90). Sie wird von vielen Chilenen für die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich verantwortlich gemacht. Die neue Verfassung soll innerhalb von neun Monaten ausgearbeitet werden, mit einer möglichen Verlängerung um maximal drei Monate. 2022 soll in einem Referendum über den Verfassungstext abgestimmt werden.

Die 155 Delegierten waren im Mai aus mehr als 1300 Kandidaten gewählt worden. Dabei kamen unabhängige Kandidaten auf rund 40 Prozent der Stimmen. Die traditionellen politischen Parteien erlitten hingegen eine Niederlage. 17 Sitze sind Vertretern der indigenen Bevölkerung vorbehalten. Unter den Delegierten finden sich unter anderen Anwälte, Lehrer, Wissenschaftler, Sozialarbeiter und Journalisten. Das Gremium ist zudem paritätisch besetzt - das heißt, es sind ebenso viele Männer wie Frauen vertreten.

(W.Novokshonov--DTZ)

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