Zwei Tote bei Demonstration für soziale Gerechtigkeit in Chile
Zwei Jahre nach dem Beginn einer Protestbewegung für mehr soziale Gerechtigkeit sind in Chile erneut tausende Menschen auf die Straße gegangen. An einer Großkundgebung im Zentrum der Hauptstadt Santiago beteiligten sich am Montag rund 10.000 Demonstranten. Am Rande der Proteste kam es zu Ausschreitungen. Zwei Menschen kamen ums Leben. Die Polizei meldete hunderte Festnahmen. Dutzende Beamte wurden verletzt.
"Es hat sich nicht viel geändert, aber die Menschen sind aufgewacht und bereit, ihre Stimme zu erheben", sagte die 22-jährige Demonstrantin Valentina Sagrado in Santiago.
Die Großkundgebung auf der zentralen Plaza Italia in Santiago verlief friedlich. In der Hauptstadt kam es am Rande der Proteste aber auch zu Ausschreitungen: Vermummte Demonstranten setzten Straßenbarrikaden in Brand, eine Polizeidienststelle wurde angegriffen und Geschäfte wurden geplündert. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.
Ein Mann wurde bei einem versuchten Raubüberfall auf ein Geschäft in Santiago erschossen. Eine Frau fiel von einem Motorrad und erlag ihren Verletzungen. Nach Behördenangaben wurden landesweit 450 Menschen festgenommen, 270 von ihnen in der Hauptstadt. Elf Zivilisten und 45 Polizisten wurden demnach verletzt.
Im Oktober 2019 war es landesweit zu einer massiven Protestbewegung gekommen. Die Proteste hatten nach einer Erhöhung der Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr der Hauptstadt begonnen. Die Demonstranten kritisierten dann aber auch niedrige Löhne, hohe Kosten für Bildung und Gesundheit sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die konservative Regierung von Präsident Sebastián Piñera geriet wegen des teilweise brutalen Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten in die Kritik. 34 Menschen starben, 460 weitere wurden verletzt.
Eine der zentralen Forderungen der Protestbewegung war die Abschaffung der bisherigen Verfassung. Sie stammt aus dem Jahr 1980 und damit noch aus der Zeit des Militärdiktators Augusto Pinochet (1973-90). Sie wird von vielen Chilenen für die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich verantwortlich gemacht.
In einem historischen Referendum stimmten im Oktober 2020 mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten in dem südamerikanischen Land dafür, dass es eine neue Verfassung geben soll. Die verfassungsgebende Versammlung, an deren Spitze eine Vertreterin der indigenen Minderheiten steht, nahm am Montag ihre Arbeit auf.
(P.Tomczyk--DTZ)