Deutsche Tageszeitung - Fast 30 Tote bei Unglück mit Flüchtlingsboot im Ärmelkanal

Fast 30 Tote bei Unglück mit Flüchtlingsboot im Ärmelkanal


Fast 30 Tote bei Unglück mit Flüchtlingsboot im Ärmelkanal
Fast 30 Tote bei Unglück mit Flüchtlingsboot im Ärmelkanal / Foto: ©

Bei einem Unglück mit einem Flüchtlingsboot im Ärmelkanal sind mindestens 27 Menschen ums Leben gekommen. Das Boot kenterte nach Angaben der französischen Polizei am Mittwoch vor der Küste nahe Calais. Der britische Premierminister Boris Johnson, in dessen Land die Flüchtlinge wollten, berief eine Krisensitzung ein. Frankreichs Premierminister Jean Castex sprach von einer "Tragödie". Nur zwei Menschen überlebten das Unglück; vier mutmaßliche Schleuser wurden festgenommen.

Textgröße ändern:

Um die Zahl der Todesopfer gab es vorübergehend Verwirrung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach am frühen Abend von 31 Toten, später korrigierte das Innenministerium die Zahl auf 27.

Drei Hubschrauber und drei Boote waren an der Rettungs- und Suchaktion beteiligt. Nach Behördenangaben wurde die Suche nach dem gekenterten Schiff am Abend vorerst eingestellt.

Kapitän Charles Devos von der französischen Seenotrettung (SNSM) sprach von einem "schockierenden" Drama. "Wir trafen auf ein Schlauchboot, aus dem die Luft entwichen war. Die wenige Luft, die es noch hatte, hielt es über Wasser", berichtete er nach dem Einsatz.

Die Staatsanwaltschaft in Dünkirchen nahm Ermittlungen wegen "besonders schweren Totschlags" auf. Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin gab am Abend die Festnahme von vier mutmaßlichen Schleusern bekannt. Ihm zufolge konnten nur zwei Überlebende gerettet werden. Beide schwebten in Lebensgefahr. Unter den Toten, über deren Nationalität zunächst nichts bekannt wurde, waren laut Darmanin fünf Frauen und ein kleines Mädchen.

"Der Ärmelkanal wird allmählich zu einem Friedhof, so wie das Mittelmeer", sagte Pierre Roques von der Hilfsorganisation L’Auberge des Migrants. Staatschef Macron forderte "eine Dringlichkeitssitzung der von der Migrationsherausforderung betroffenen europäischen Minister".

Er sei "schockiert, empört und zutiefst betrübt" über das Unglück, sagte der britische Premier Johnson nach dem Krisentreffen seiner Regierung in London. Er wolle gemeinsam mit Frankreich "mehr" gegen illegale Überfahrten tun, wies jedoch auf Meinungsverschiedenheiten mit Paris hin. London habe "Schwierigkeiten, einige unserer Partner, insbesondere die Franzosen, davon zu überzeugen, der Situation angemessen zu handeln", sagte er dem Sender Sky News.

Vor einigen Tagen war bekannt geworden, dass die französische Polizei 15 mutmaßliche Schlepper aus dem Irak, Rumänien, Pakistan und Vietnam in Gewahrsam genommen hat. Sie sollen monatlich etwa 250 Migranten in Booten nach Großbritannien gebracht haben. Für die Überfahrt hätten sie 6000 Euro pro Person erhalten und insgesamt drei Millionen Euro Gewinn gemacht.

Nach Angaben der zuständigen Präfektur versuchten seit Jahresbeginn 31.500 Flüchtlinge, von Frankreich über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu kommen. Rund 7800 Menschen wurden aus Seenot gerettet. Insgesamt starben bei der Fahrt über den Ärmelkanal in diesem Jahr bislang mindestens 34 Menschen oder gelten als vermisst. Nach britischen Angaben sind seit Jahresbeginn etwa 22.000 Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gekommen.

In der Gegend von Calais halten sich zahlreiche Migranten auf. Hilfsorganisationen kritisieren, dass Sicherheitskräfte regelmäßig deren Lager räumen und dabei Zelte und Schlafsäcke zerstören. Den Migranten werden Notunterkünfte in anderen Landesteilen angeboten. Viele von ihnen versuchen jedoch weiter, nach Großbritannien zu gelangen.

Die Überfahrten von Migranten nach Großbritannien sorgen für erhebliche Spannungen zwischen Paris und London. Viele Migranten wollen nach Großbritannien, weil sie die Sprache sprechen und dort bereits Bekannte oder Verwandte haben.

(S.A.Dudajev--DTZ)

Empfohlen

US-Senat bestätigt neuen Geheimdienstkoordinator Clayton

Der US-Senat hat den neuen Geheimdienstkoordinator Jay Clayton im Amt bestätigt. Die Kongresskammer billigte die Nominierung des 60-Jährigen durch Präsident Donald Trump am Dienstag (Ortszeit) mit 51 zu 47 Stimmen. Damit votierten alle demokratischen Senatoren gegen ihn. Clayton hat damit künftig die Aufsicht über die insgesamt 18 US-Geheimdienste, zu denen auch der Auslandsgeheimdienst CIA und die Bundespolizei FBI gehören.

Nach einigen Tagen Ruhe: USA melden iranische Angriffe und eigene Attacken im Irak

Nach einigen Tagen ohne gegenseitige Attacken hat die US-Armee neue Raketenangriffe des Iran gemeldet. Der versuchte "Überraschungsangriff auf im Nahen Osten stationierte US-Streitkräfte" sei abgewehrt worden, erklärte das zuständige Regionalkommando Centcom. Nahezu zeitgleich flogen die USA und Saudi-Arabien nach eigenen Angaben Angriffe auf "terroristische" Ziele im Irak. Die erneute Zuspitzung des Kampfgeschehens erfolgte nur wenige Stunden nach einem Treffen von US-Präsident Donald Trump und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in Washington.

US-Notenbank verkündet Leitzinsentscheidung

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) verkündet am Mittwoch ihre Leitzinsentscheidung (20.00 Uhr MESZ). Im Anschluss tritt Fed-Chef Kevin Warsh vor die Presse. Experten erwarten, dass die Notenbank den Leitzins zum vierten Mal in Folge unverändert lässt. US-Präsident Donald Trump dringt dagegen weiter auf einen deutlichen Zinsschnitt.

USA und Saudi-Arabien melden gemeinsame Angriffe auf "terroristische" Ziele im Irak

Die USA und Saudi-Arabien haben nach eigenen Angaben gemeinsame Angriffe auf Ziele im Irak ausgeführt. Diese hätten sich gegen "mit dem Iran verbündete Terroristen" gerichtet, erklärte am Dienstagabend (Ortszeit) das zuständige US-Regionalkommando Centcom. Die Milizen hätten in den vergangenen Tagen mehr als zwei Dutzend Drohnenangriffe ausgeführt.

Textgröße ändern: