Deutsche Tageszeitung - Nach gewaltsamen Corona-Protesten wächst Sorge um weitere Radikalisierung

Nach gewaltsamen Corona-Protesten wächst Sorge um weitere Radikalisierung


Nach gewaltsamen Corona-Protesten wächst Sorge um weitere Radikalisierung
Nach gewaltsamen Corona-Protesten wächst Sorge um weitere Radikalisierung / Foto: ©

Nach neuen teils gewaltsamen Protesten von Gegnern der Corona-Maßnahmen wächst die Sorge vor einer weiteren Radikalisierung. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herber Reul (CDU) nannte am Sonntagabend im "Bild"-Talk den extremistischen Teil der Protestierenden "brandgefährlich, weil sie mittlerweile nicht nur reden, schwätzen, sich gegenseitig hochstacheln, sondern auch zu Taten schreiten". Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) rief in der "Bild" dazu auf, "den Radikalen nicht die Straße überlassen".

Textgröße ändern:

Am Wochenende war es in zahlreichen Städten erneut zu Ausschreitungen bei Protesten gegen die Corona-Politik gekommen. Bei einem Aufzug von bis zu tausend Teilnehmern im thüringischen Greiz wurden am Samstag Einsatzkräfte angegriffen, 14 Polizisten wurden verletzt. In Gotha kam es aus einem Aufzug von 1500 Menschen heraus ebenfalls zu Angriffen und Flaschenwürfen auf Sicherheitskräfte.

Auch im sächsischen Bennewitz und in Reutlingen in Baden-Württemberg gab es gewaltsame Zwischenfälle bei Corona-Demonstrationen. Im bayerischen Schweinfurt wurden bei einer Versammlung von bis zu 2000 Demonstrierenden am Sonntag zehn Menschen festgenommen. Zwei von ihnen versuchten den Angaben zufolge, ein Zivilfahrzeug der Polizei in Brand zu stecken.

"Das beunruhigt mich sehr, das muss ernst genommen werden", sagte Reul am Montag in Düsseldorf mit Blick auf die gewaltsamen Proteste. Im "Bild"-Talk warnte der Politiker, es seien zunehmend "demokratiefeindliche Töne, verfassungswidrige Töne" dabei. Hier müsse eine klare Grenze gezogen werden.

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sieht auch einen "gewissen Tourismus" von offensichtlich gewaltbereiten Demonstranten aus anderen Bundesländern. Der Rechtsstaat müsse hier "klare Kante zeigen, und das tut er auch", sagte Maier am Montag im ZDF-"Morgenmagazin".

"Viele verfolgen ganz andere Ziele als Corona, sie benutzen die emotionale Debatte um die Impfpflicht, um zu spalten", sagte Schwesig in der "Bild"-Zeitung vom Montag. Am Ende müssten aber "demokratische Entscheidungen von allen akzeptiert werden". "Hier muss unsere Demokratie eine Brandmauer gegen Gewalt errichten", sagte die Ministerpräsidentin.

Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz (Grüne) nannte die aktuelle Entwicklung "mehr als beängstigend". Zu lange seien Reichsbürger und sogenannte Querdenker als harmlos abgetan worden, sagte er der "Welt". Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Konstantin Kuhle warnte vor einer gezielten Unterwanderung friedlicher Corona-Proteste.

Auch der Terrorismusforscher Peter Neumann sieht eine ernsthafte Gefahr durch eine Radikalisierung der Corona-Proteste. "Was wir vereinzelt bereits gesehen haben, sind komplexere Anschläge auf das RKI zum Beispiel oder auf Kliniken und auf Impfstellen", sagte Neumann am Sonntag bei Bild TV. Deshalb könne er sich vorstellen, "dass wir in einigen Monaten tatsächlich möglicherweise von einer terroristischen Kampagne sprechen müssen".

Wie aus einer Aufstellung des sächsischen Innenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag hervorgeht, gab es im Freistaat in den ersten anderthalb Jahren der Pandemie mehr als 2800 öffentliche Protestaktionen mit Corona-Bezug. Dabei wurden bislang 891 politisch motivierte Straftaten erfasst, wie die Linke am Montag mitteilte. Fast 200 dieser Taten richteten sich gegen Polizistinnen und Polizisten.

Landesinnenminister Maier, Schwesig und der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) forderten dazu auf, Sicherheitslücken bei den Messengerdiensten wie Telegram zu schließen. "Hass und Hetze auf derartigen Messengerdiensten gehören konsequent unterbunden und geahndet", sagte Strobl den Zeitungen der Funke-Mediengruppe laut Vorabmeldung vom Montag.

(W.Novokshonov--DTZ)

Empfohlen

Diplomaten: IStGH-Vertragsstaaten beschließen Aus für Chefankläger Khan

Der unter Druck geratene Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), Karim Khan, muss gehen. Bei einer Sitzung der Vertragsstaaten in New York stimmte eine deutliche Mehrheit dafür, den britischen Juristen seines Postens zu entheben, wie Diplomaten am Freitag mitteilten. Der heute 56-jährige Khan hatte sein Amt wegen Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens bereits vor gut einem Jahr niedergelegt.

Rekordstrafe für Google: Trump droht EU mit höheren Zöllen

Wegen eines Rekordbußgelds der Europäischen Union für Google hat US-Präsident Donald Trump den Europäern mit höheren Zöllen gedroht. Die EU werde einen "sehr hohen Preis" für die Wettbewerbsstrafe von 890 Millionen Euro zahlen, erklärte Trump am Freitag in seinem Onlinedienst Truth Social. Er kündigte eine neue Zolluntersuchung gegen die EU an und begründete diese mit dem angeblichen "Ausrauben amerikanischer Unternehmen".

Streit um Aufnahmeprogramm: Afghanin erringt vor Bundesverfassungsgericht Erfolg

Niederlage für Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) im Rechtsstreit um die gestoppten Aufnahmeprogramme für afghanische Flüchtlinge: Eine afghanische Mutter und ihre zwei minderjährigen Söhne haben am Freitag vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe durchsetzen können, dass ihr Fall neu geprüft werden muss. Der Familie wurde ein ursprünglich zugesagtes Visum für Deutschland auf Grundlage von Vorgaben aus Dobrindts Ministerium verweigert. Das Bundesinnenministerium sieht sich indes durch die Entscheidung in seinem Kurs weitgehend bestätigt.

Streit um Rechtsruck: Ehemalige polnische Regierungspartei PiS spaltet sich auf

Wegen eines Richtungsstreits kehren in Polen rund 30 Abgeordnete der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) den Rücken. "Rund 30 Abgeordnete haben unsere Partei verlassen", sagte der Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski am Freitag. Er hatte den Abgeordneten für eine Loyalitätserklärung ein Ultimatum bis Donnerstagabend gestellt. Die Abgeordneten erklärten, sie seien ausgeschlossen worden. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine mögliche Koalition der PiS mit Rechtsaußenparteien, um die Parlamentswahl im kommenden Jahr zu gewinnen.

Textgröße ändern: