Deutsche Tageszeitung - Scholz verurteilt in UN-Rede Russland und wirbt für Multilateralismus

Scholz verurteilt in UN-Rede Russland und wirbt für Multilateralismus


Scholz verurteilt in UN-Rede Russland und wirbt für Multilateralismus
Scholz verurteilt in UN-Rede Russland und wirbt für Multilateralismus / Foto: © AFP

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat seine erste Rede vor der UN-Generalversammlung für scharfe Kritik an Russland und einen Appell für mehr internationale Zusammenarbeit genutzt. Scholz warf Russland am Dienstagabend (Ortszeit) bei der Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York vor, mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine "blanken Imperialismus" zu betreiben. Die in einigen ukrainischen Gebieten geplanten "Schein-Referenden" für einen Anschluss an Russland würden von der Weltgemeinschaft nicht anerkannt.

Textgröße ändern:

"Russlands Eroberungskrieg gegen die Ukraine ist durch nichts zu rechtfertigen", sagte Scholz in seiner rund viertelstündigen Rede. "Präsident Putin führt ihn mit einem einzigen Ziel: sich der Ukraine zu bemächtigen. Selbstbestimmung und politische Unabhängigkeit zählen für ihn nicht. Dafür gibt es nur ein Wort: Das ist blanker Imperialismus!"

Putin werde "seinen Krieg und seine imperialen Ambitionen nur aufgeben, wenn er erkennt: Er kann diesen Krieg nicht gewinnen", sagte Scholz weiter. "Deshalb werden wir keinen russischen Diktatfrieden akzeptieren - und auch keine Schein-Referenden."

Der Bundeskanzler reagierte mit dem letzten Halbsatz auf die Ankündigung der pro-russischen Behörden in den vier ukrainischen Regionen Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja, von Freitag an Referenden über einen Anschluss an Russland abzuhalten.

Damit droht eine weitere schwere Eskalation des Krieges in der Ukraine: Der Anschluss der Gebiete an Russland würde Moskau eine Rechtfertigung für weitere militärische Schritte geben - der Kreml könnte dann behaupten, er verteidige sein eigenes Staatsgebiet gegen die ukrainischen Streitkräfte.

Der Ukraine-Krieg und seine Auswirkungen - insbesondere steigende Energiepreise und eine Verschärfung der globalen Hungerkrise - sind das zentrale Thema der am Dienstag begonnenen 77. Generaldebatte der UN-Vollversammlung. Scholz beklagte in seiner Rede eine "neue Fragmentierung der Welt": "Neue Kriege und Konflikte sind entstanden. Globale Großkrisen türmen sich vor uns auf, verbinden und verstärken sich."

Die internationale Gemeinschaft müsse sich dem durch engere Zusammenarbeit entgegenstellen. Es müsse gelingen, "dass die multipolare Welt des 21. Jahrhunderts eine multilaterale Welt bleibt", sagte der Kanzler.

"Nicht Nationalismus und Isolation lösen die Herausforderungen unserer Zeit. Mehr Zusammenarbeit, mehr Partnerschaft, mehr Beteiligung lautet die einzig vernünftige Antwort, egal, ob es um den Kampf gegen den Klimawandel oder globale Gesundheitsrisiken, um Inflation und gestörte Handelsketten oder um unseren Umgang mit Flucht und Migration geht."

Scholz warb in diesem Zusammenhang für eine Zusammenarbeit mit den Ländern des Globalen Südens - Asien, Afrika und das südliche Amerika - "auf Augenhöhe" und für eine Reform des UN-Sicherheitsrates, in dem Russland als eines von fünf ständigen Mitgliedern ein Vetorecht hat. Regeln und Institutionen müssten "an die Realität des 21. Jahrhunderts" angepasst werden, sagte der Bundeskanzler.

Notwendig sei deswegen eine "Reform und Erweiterung" des Sicherheitsrats, "vor allem um Länder des Globalen Südens". "Auch Deutschland ist bereit, größere Verantwortung zu übernehmen - als ständiges Mitglied und zunächst als nichtständiges Mitglied in den Jahr 2027/28."

Deutschland, das sich für einen der zehn nichtständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat in den Jahren 2027 und 2028 bewirbt, strebt schon seit langer Zeit eine Reform des mächtigsten UN-Gremiums an. Kritiker bemängeln, die Struktur des Sicherheitsrates - insbesondere die Veto-Macht der fünf ständigen Mitglieder China, Frankreich, Großbritannien, Russland und USA - sei nicht mehr zeitgemäß und könne zu einer Blockade des Gremiums führen.

Zuletzt haben die USA Offenheit für Reformen signalisiert. US-Präsident Joe Biden will sich am Mittwoch in seiner Rede bei der UN-Generaldebatte ebenfalls mit dem Thema befassen, wie sein Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan ankündigte.

(M.Dylatov--DTZ)

Empfohlen

Hamas-Behörden melden acht Tote bei israelischen Angriffen im Gazastreifen

Bei israelischen Angriffen im Gazastreifen sind nach Angaben der Hamas-Behörden acht Menschen getötet worden, darunter ein Kind. Fünf Menschen starben nach Angaben des von der radikalislamischen Hamas kontrollierten Zivilschutzes am Sonntag in Chan Junis, drei weitere Todesopfer gab es demnach in der Stadt Gaza. Das Hamas-Innenministerium erklärte, die israelische Luftwaffe habe in Chan Junis Polizisten angegriffen. Die israelische Armee gab an, sie habe "Terroristen" ins Visier genommen.

Überschattet von Spannungen im Schwarzen Meer: Präsidenten-Stichwahl in Bulgarien

Vor dem Hintergrund mehrerer Drohnenangriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer hat Bulgarien am Sonntag in einer Stichwahl sein neues Staatsoberhaupt gewählt. Die russlandfreundliche Amtsinhaberin Ilijana Jotowa trat dabei gegen den prowestlichen Herausforderer Andrej Gjurow an. Die Abstimmung galt vor allem als Entscheidung über den künftigen außenpolitischen Kurs Bulgariens - vor allem mit Blick auf den Ukraine-Krieg und das Verhältnis zu Moskau.

Erneut Ausschreitungen bei Protesten in Frankreich - Deutlich weniger Schäden

Am Rande von landesweiten Massenprotesten gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem ist es in Frankreich das dritte Wochenende in Folge zu Ausschreitungen gekommen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden 779 Menschen festgenommen, 116 Sicherheitskräfte wurden verletzt. Landesweit gingen erneut mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße.

Hunderte Festnahmen bei Protest gegen Verbot von propalästinensischer Gruppe in London

Bei einer Solidaritätskundgebung für die als Terrororganisation eingestufte Gruppe Palestine Action sind in der britischen Hauptstadt London am Samstag mehr als 300 Menschen festgenommen worden. Insgesamt seien 325 Menschen in Gewahrsam genommen worden, erklärte die Londoner Polizei am Sonntag. Die Festnahmen erfolgten demnach "wegen der Unterstützung einer verbotenen Organisation nach den Anti-Terror-Gesetzen".

Textgröße ändern: