Deutsche Tageszeitung - Länder-Appelle für die Kindergrundsicherung - aber kein Bundesratsbeschluss

Länder-Appelle für die Kindergrundsicherung - aber kein Bundesratsbeschluss


Länder-Appelle für die Kindergrundsicherung - aber kein Bundesratsbeschluss
Länder-Appelle für die Kindergrundsicherung - aber kein Bundesratsbeschluss / Foto: © AFP/Archiv

In die Diskussion um die Kindergrundsicherung schalten sich nun auch Vertreterinnen und Vertreter der Länder ein. "Es ist jetzt an der Zeit, die Kinderarmut entschieden und entschlossen anzugehen", sagte Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) am Freitag im Bundesrat. Auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) nannte die Einführung der Kindergrundsicherung "dringlich". Eine saarländische Initiative, von der Bundesregierung mehr Tempo zu fordern, fand in der Länderkammer allerdings keine Mehrheit.

Textgröße ändern:

In der Kindergrundsicherung sollen ab 2025 familienpolitische Leistungen wie Kindergeld, Bürgergeld für Kinder und Kinderzuschlag zusammengeführt werden. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) geht davon aus, dass dadurch mehr Menschen ihnen zustehende Leistungen in Anspruch nehmen; sie hält aber auch eine Anhebung für nötig. Paus schätzt den Finanzbedarf deutlich höher ein als Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), weshalb es bei dem Projekt seit Wochen nicht vorangeht.

Bovenschulte betonte im Bundesrat, Kinder- und Jugendarmut sei "ein strukturelles Problem" hierzulande. "Die für ein reiches Land wie Deutschland so beschämenden Zahlen sind uns ja allen wohlbekannt", sagte er - jedes fünfte Kind wachse in Armut auf. "Das dürfen wir nicht länger hinnehmen."

Bovenschulte kritisierte die FDP, die bei der Kindergrundsicherung vor allem die Aspekte der vereinfachten und digitalisierten Abwicklung betont. Es gehe hier "um mehr als um Digitalisierung oder Verwaltungsmodernisierung", sagte er. "Wer den Änderungsbedarf auf diese Aspekte reduziert, der blendet die wirklichen Dimensionen des Problems aus. Das tut leider auch der Bundesfinanzminister." Eine wirksame Kindergrundsicherung sei "nicht zum Nulltarif zu haben."

Rehlinger sagte im ARD-"Morgenmagazin", Deutschland müsse dafür sorgen, "dass Armut nicht vererbt wird". Es sei klar, "dass man nicht ohne Geld die Dinge nach vorne wird bringen können", betonte sie.

Die saarländische Entschließung zu dem Thema fand im Bundesrat aber keine Mehrheit. Mit der Vorlage sollte die Bundesregierung aufgefordert werden, "schnellstmöglich einen Referentenentwurf" vorzulegen und mit dem Gesetzgebungsverfahren "dann umgehend" zu beginnen.

Bundesfamilienministerin Paus gab sich am Freitag hartnäckig. Sie sei "ein geduldiger Mensch, vor allen Dingen auch ein beharrlicher Mensch", sagte sie im Radiosender NDR Info. Lindner wisse, "was er im Koalitionsvertrag unterschrieben hat. Ich weiß auch, dass er das weiß, und deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir es am Ende schaffen werden."

Von der SPD kam sowohl Unterstützung als auch Kritik. "Die Kindergrundsicherung wird auf jeden Fall kommen, und sie wird nicht nur ein technischer Verwaltungsakt sein", sagte Generalsekretär Kevin Kühnert dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Debatte beginnt aber besser nicht bei einer hoch gegriffenen Summe", mahnte er. "Ohne Geld wird es nicht gehen, aber wenn wir Begeisterung für die Kindergrundsicherung wecken wollen, sollten wir nicht nur von Milliardenbeträgen sprechen."

Die parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion, Katja Mast, sagte der Nachrichtenagentur AFP, ihre Partei sei "der Garant dafür", dass die Kindergrundsicherung komme. "Die Kindergrundsicherung wird ab 2025 umgesetzt sein."

Auf eine zügige Umsetzung drang erneut das Deutsche Kinderhilfswerk. "Die Kindergrundsicherung muss jetzt, und nicht erst irgendwann, auf den Weg gebracht werden", erklärte Verbandspräsident Thomas Krüger. Sie müsse dabei "so ausgestaltet sein, dass sie die Armutszahlen spürbar senkt und sich damit an den tatsächlichen Bedarfen der Kinder und Jugendlichen orientiert".

(V.Sørensen--DTZ)

Empfohlen

Radikalisierung junger Männer: Incel-Ideologie und Prävention aus Sicht der Polizei

Die Incel-Bewegung hat sich von einem ursprünglichen Unterstützungsnetzwerk zu einer frauenfeindlichen Ideologie entwickelt, die junge Männer radikalisiert. Catherine Graber von der Kantonspolizei St. Gallen erläutert die Risiken und beschreibt konkrete Präventionsmaßnahmen sowie Warnsignale für potenzielle Gewalttaten.

Neuköllner Linken-Politiker Ahmed Abed vertrat Ibrahim Ibrahim vor Gericht

Im Streit um die Berliner Linken-Abgeordnete Vanessa Emde ist eine weitere Kontroverse aufgetaucht: Der Neuköllner Bürgermeisterkandidat der Partei Die Linke, Ahmed Abed, hat den als Terrorsympathisant bekannten Ibrahim Ibrahim vor Gericht vertreten. Währenddessen haben SPD, Grüne und die Linke in Berlin die Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Landesregierung aufgenommen.

Susanne Johna kündigt Kandidatur als BÄK-Präsidentin an

Susanne Johna hat bei ihrer Wiederwahl zur Vorsitzenden des Marburger Bundes angekündigt, im Mai 2027 als erste Frau die Bundesärztekammer zu leiten. In ihrer Rede kritisierte sie die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Ärzte in politischen und wirtschaftlichen Fragen und forderte eine stärkere Positionierung der Berufsgruppe.

Kantonsregierung Zürich blockiert barrierefreie Querungen zugunsten des Autoverkehrs

An der Rosengartenstrasse in Zürich scheiden sich die Geister über die Priorisierung im Verkehr. Während die Stadt barrierefreie Querungen plant, blockiert die Kantonsregierung diese mit Verweis auf Staurisiken. Kritiker sehen darin eine klare Bevorzugung des motorisierten Individualverkehrs gegenüber den Anforderungen eines inklusiven Stadtlebens.

Textgröße ändern: