Deutsche Tageszeitung - "Historischer" Moment: Baltische Staaten koppeln sich vom russischen Stromnetz ab

"Historischer" Moment: Baltische Staaten koppeln sich vom russischen Stromnetz ab


"Historischer" Moment: Baltische Staaten koppeln sich vom russischen Stromnetz ab
"Historischer" Moment: Baltische Staaten koppeln sich vom russischen Stromnetz ab / Foto: © AFP

Die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland haben die lange geplante Abkopplung vom russischen Stromnetz vollzogen. Litauens Energieminister Zygimantas Vaiciunas sprach am Samstag von einem "historischen" Moment. "Wir haben das Energiesystem der baltischen Staaten endlich in der eigenen Hand. Wir haben die Kontrolle", sagte er. "Wir haben jede theoretische Möglichkeit beseitigt, dass Russland die Energiekontrolle als Waffe einsetzen kann."

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Die drei Mitgliedsstaaten von EU und Nato sollen nun in das europäische System integriert werden. Der Anschluss war lange vorbereitet worden und gewann mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine an Bedeutung. Technische und finanzielle Probleme verzögerten jedoch zunächst den Schritt.

Umso größer war jetzt die Freude beim Vollzug, auch bei den Verbündeten: "Ich mag Licht lieber, wenn keine russischen Elektronen beteiligt sind", sagte EU-Energiekommissar Dan Jorgensen vor Journalisten in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Der Systemwechsel diene der Sicherheit. "Kein europäisches Land sollte für irgendwas von Russland abhängig sein", fügte der Däne hinzu.

Die EU-Außenbeauftragte und ehemalige estnische Regierungschefin Kaja Kallas beschrieb die Abkopplung vom russischen Stromnetz im Onlinedienst X als einen "Sieg für die Demokratie".

Laut Litauens staatlichem Netzbetreiber Litgrid schaltete am Samstagmorgen zunächst Vilnius seine Stromverbindung zu Russland und Belarus ab, die beiden anderen Länder folgten wenig später.

In Lettland schnitten Politiker in einem symbolischen Akt ein Stromkabel durch. "Jetzt haben wir die komplette Kontrolle über unser Energienetz", sagte Energieminister Kaspars Melnis mit einem Teil des zerschnittenen Kabels in der Hand. Zudem waren in allen drei Ländern offizielle Feiern geplant.

Estland, Lettland und Litauen beziehen bereits seit kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs keinen russischen Strom und kein russisches Gas mehr - ihre Stromnetze blieben jedoch nach wie vor mit Russland und Belarus verbunden und wurden von Moskau aus kontrolliert. Die drei baltischen Staaten waren seit der Sowjetzeit ins russische Stromnetz integriert.

Bevor die drei Länder am Sonntag über Polen ans europäische Stromnetz angeschlossen werden, sollten sie für rund 24 Stunden für einige Tests in einem sogenannten isolierten Modus operieren. "Wir werden die Kraftwerke ein- und ausschalten, um zu sehen wie die Frequenz schwankt und unsere Fähigkeit bewerten, diese zu kontrollieren", teilte Litgrid-Chef Rokas Masiulis mit.

Insgesamt waren in den drei baltischen Staaten und in Polen 1,6 Milliarden Euro in das Projekt zur Synchronisation der Stromnetze investiert worden.

Der polnische Stromnetzbetreiber PSE kündigte an, die Netzverbindung mit Litauen mit Hubschraubern und Drohnen zu überwachen. Aus Furcht vor Sabotageakten sollen Polizei und Ehrenamtliche in Estland bis zum kommenden Wochenende wichtige Infrastruktur bewachen. Auch in Litauen soll das Netz bewacht werden.

Befürchtete Sabotageakte am Tag der Entkopplung blieben jedoch aus. Russland habe bei dem Prozess "voll kooperiert", sagte Masiulis. Er verwies auf die zwischen Litauen und Polen liegende russische Enklave Kaliningrad, für deren Energiesicherheit Moskau zum Teil von der Kooperation der baltischen Staaten abhängig gewesen sei.

Mit der Entkopplung des baltischen Energienetzes hat Kaliningrad für seine Energieversorgung keine Netzverbindung zum restlichen Teil Russlands mehr. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, Moskau habe "alle Maßnahmen ergriffen, um den ununterbrochenen einheitlichen Betrieb unseres Energiesystems sicherzustellen".

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 sind in der Ostsee bereits mehrfach wichtige Telekommunikations- und Stromkabel beschädigt worden. Experten gehen davon aus, dass es sich um hybride Angriffe gegen den Westen im Auftrag Russlands handelt.

(V.Korablyov--DTZ)

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