Deutsche Tageszeitung - Union und SPD wollen "Aufbruchssignal" aussenden - Koalitionsvertrag vorgestellt

Union und SPD wollen "Aufbruchssignal" aussenden - Koalitionsvertrag vorgestellt


Union und SPD wollen "Aufbruchssignal" aussenden - Koalitionsvertrag vorgestellt
Union und SPD wollen "Aufbruchssignal" aussenden - Koalitionsvertrag vorgestellt / Foto: © AFP

Mit einem mehr als 140 Seiten starken Koalitionsvertrag wollen Union und SPD einen neuen politischen Aufbruch anstoßen. "Deutschland bekommt eine handlungsfähige und eine handlungsstarke Regierung", sagte CDU-Chef Friedrich Merz, der die künftige Koalition als Bundeskanzler führen will, am Mittwoch. Anfang Mai will der 69-Jährige sich im Bundestag zum zehnten Bundeskanzler seit Gründung der Bundesrepublik wählen lassen.

Textgröße ändern:

Merz sprach sechs Wochen nach der Bundestagswahl von einem "Aufbruchssignal". Auf einer Pressekonferenz stellte er gemeinsam mit den Parteivorsitzenden von SPD und CSU die Grundlinien des Koalitionsvertrags unter dem Titel "Verantwortung für Deutschland" vor: Im Zentrum stehen eine Belebung der deutschen Wirtschaft, eine Begrenzung der Migrationszahlen und eine Entlastung von Bürgerinnen und Bürger.

Viele der Vorhaben stünden aber unter Finanzierungsvorbehalt, sagte Merz. Die neue Regierung müsse solide haushalten. SPD-Chef Lars Klingbeil, der als Bundesfinanzminister gehandelt wird, sagte, die aktuelle Lage zwinge dazu, sich "von lieb gewordenen Projekten zu verabschieden". Nur bei "ganz wenigen Verabredungen" sei die Finanzierbarkeit jetzt schon sicher.

Die Kernbotschaft des Koalitionsvertrags formulierte der designierte Kanzler Merz wie folgt: "Die politische Mitte unseres Landes ist in der Lage, die Probleme zu lösen." Weiter sagte er: "Die künftige Koalition wird reformieren und investieren, um Deutschland stabil zu halten, sicherer zu machen und wirtschaftlich wieder stärker zu machen - und auch Europa kann sich auf Deutschland verlassen."

In der Migrationspolitik werde die neue Regierung die von der Union im Wahlkampf angekündigte Verschärfung durchsetzen, sagte Merz. Sie werde die irreguläre Migration "sehr weitgehend zurückdrängen, und das wird auch kurzfristig sichtbar werden". Es werde "Kontrollen an den Staatsgrenzen geben und auch Zurückweisungen gegenüber Asylsuchenden".

Aufnahmeprogramme und der Familiennachzug für subsidär Schutzberechtigte würden gestoppt, die Rückführungen sollten verstärkt werden, sagte Merz weiter. Die von der "Ampel" eingeführte Möglichkeit der Schnell-Einbürgerung nach drei Jahren solle wieder abgeschafft werden.

Zudem werde die neue Regierung Maßnahmen ergreifen, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wieder zu stärken. Ab 2028 solle die Körperschaftsteuer in fünf Schritten um jeweils einen Prozentpunkt jährlich sinken. Stromsteuer und Netzentgelte sollen sinken, zudem solle es einen Industriestrompreis für energieintensive Branchen geben.

CSU-Chef Markus Söder zeigte sich zufrieden mit dem Koalitionsvertrag. Dieser könne "ein kleiner Bestseller werden, denn jeder Satz ist Politik pur". Zu den Koalitionsverhandlungen sagte er: "Wir haben uns zwar manchmal ganz schön gefetzt, aber am Ende zusammengefunden." Söder, der als Ministerpräsident in Bayern bleiben will, kündigte an, sich regelmäßig in der Bundespolitik zu Wort zu melden.

SPD-Chefin Saskia Esken stellte eine "große Offensive der Staatsmodernisierung" in Aussicht. Der Staat solle "digitaler, effizienter und zugewandter" werden, sagte sie. Die drei Koalitionspartner hätten zudem vereinbart, sich in "regelmäßigen Koalitionsausschüssen" abzustimmen. So solle eine "Zerrüttung" wie zuletzt in der "Ampel" verhindert werden.

Die Namen der künftigen Ministerinnen und Minister wurden noch nicht bekannt. Der Koalitionsvertrag enthält lediglich eine Aufteilung der Ressorts unter den Parteien.

Die CDU erhält neben dem Amt des Kanzlers sechs Fachministerien. Sieben Ministerien gehen an die SPD - darunter das besonders einflussreiche Bundesfinanzministerium - , und drei gehen an die CSU, darunter das für Migration zuständige Innenressort. Damit wird es ein Ministerium mehr geben als bisher. Neu geschaffen wird ein Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

Der CDU-Chef räumte ein, dass der Juniorpartner SPD mit den sieben Ministerien sehr stark in der neuen Regierung vertreten sein wird. "Es wird daran möglicherweise Kritik geben", sagte Merz. "Aber auch die SPD hat ihre Interessen hier artikuliert, und wir haben uns hier gemeinsam auf dieses Tableau geeinigt."

Merz betonte das Vertrauensverhältnis, das in den Koalitionsverhandlungen entstanden sei. Als Bundeskanzler wolle er "diese Regierung so führen, dass Diskussionen, die notwendig sind, hinter verschlossenen Türen geführt werden". Nach außen solle die Regierung geschlossen auftreten.

Merz kündigte an, sich in der Woche des 5. Mai zum Kanzler wählen zu lassen. Am 28. April solle ein kleiner Parteitag der CDU über den Koalitionsvertrag abstimmen. Die SPD will zu der Vereinbarung eine Mitgliederbefragung abhalten. Bei der CSU sollen am Donnerstag die Spitzengremien über den Vertrag befinden.

Zuletzt hatte eine schwarz-rote Bundesregierung von 2013 an acht Jahre lang unter der CDU-Kanzlerin Angela Merkel regiert. Sie war 2021 durch die SPD-geführte Ampel-Koalition abgelöst worden.

(Y.Leyard--DTZ)

Empfohlen

Israelischer Soldat zerstört Kruzifix im Libanon: Netanjahu kündigt "harte Maßnahmen" an

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat "harte Maßnahmen" gegen einen Soldaten angekündigt, der ein Kruzifix im Süden des Libanon niedergerissen hat. "Ich war fassungslos und traurig, als ich erfuhr, dass ein IDF-Soldat eine katholische Ikone im Südlibanon beschädigt hat", schrieb Netanjahu im Onlinedienst X. "Militärermittler nehmen eine strafrechtliche Untersuchung vor und werden dementsprechend harte Maßnahmen gegen den Täter ergreifen", fügte Netanjahu hinzu.

Jugendliche berichten vor Bundestag über Erfahrung in Pandemie

Vor der Corona-Kommission des Bundestags haben am Montag rund 150 Jugendliche und junge Erwachsene über ihre Erfahrungen während der Pandemie berichtet. Die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie hatte sie eingeladen, um die seelischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen während und nach der Pandemie sichtbar zu machen. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) räumte bei der Veranstaltung ein, die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen seien in der Pandemie zu wenig berücksichtigt worden.

Ungewissheit über Fortsetzung von Verhandlungen im Iran-Krieg

Kurz vor dem Ende der zweiwöchigen Waffenruhe im Iran-Krieg herrscht Ungewissheit über die Fortsetzung der Friedensverhandlungen: Der Iran traf nach Angaben seines Außenministeriums "noch keine Entscheidung" über eine Teilnahme an Gesprächen mit den USA, zu denen laut US-Präsident Donald Trump am Montag eine US-Delegation in Pakistan eintreffen sollte. Derweil brachte die US-Armee einen iranischen Frachter im Golf von Oman unter ihre Kontrolle. Teheran kündigte daraufhin Vergeltung an. Der Ölpreis schnellte angesichts befürchteter neuer Angriffe in die Höhe.

Prorussischer Ex-Präsident Radew holt bei Wahl in Bulgarien absolute Mehrheit

Der russlandfreundliche Ex-Präsident Rumen Radew ist als klarer Sieger aus der Parlamentswahl in Bulgarien hervorgegangen. Sein Mitte-links-Bündnis erreichte nach Auszählung fast aller Stimmen am Montag mit 44,7 Prozent zudem die absolute Mehrheit im Parlament. Radew strebt einen Dialog mit Russland an und lehnt Waffenlieferungen an die Ukraine ab, will entsprechende EU-Beschlüsse aber nicht blockieren. Der Kreml begrüßte die Dialogbereitschaft des Wahlsiegers. Die EU-Spitzen gratulierten Radew.

Textgröße ändern: