Deutsche Tageszeitung - Massenproteste im Iran gehen weiter - Aktivisten sprechen von 192 Toten

Massenproteste im Iran gehen weiter - Aktivisten sprechen von 192 Toten


Massenproteste im Iran gehen weiter - Aktivisten sprechen von 192 Toten

Im Iran gehen die Massenproteste trotz des harten Durchgreifens der Behörden weiter, bei dem laut Aktivisten bereits fast 200 Menschen getötet wurden. Unter Umgehung einer landesweiten Internetsperre veröffentlichte Videos zeigten große Menschenmengen bei Demonstrationen in mehreren Städten des Landes am Samstagabend. Die Polizei meldete am Sonntag zahlreiche Festnahmen. Nach wiederholten Warnungen von US-Präsident Donald Trump drohte Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf den USA mit Vergeltung im Falle eines Angriffs.

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Im Internet veröffentlichte Videos zeigten Menschenmengen in mehreren Städten des Iran, darunter die Hauptstadt Teheran und Maschhad im Osten. Dort wurden Autos in Brand gesetzt. Die Videos gelangten trotz einer von den Behörden am Freitagabend verhängten landesweiten Internetsperre online. Die Sperre, welche die Kommunikation mit der Welt außerhalb des Irans massiv erschwerte, dauerte am Sonntag an. Auch der Mobilfunkverkehr ist seit Samstag blockiert.

Videos, die AFP zunächst nicht überprüfen konnte, sollen zeigen, wie Angehörige im Teheraner Leichenschauhaus die sterblichen Überreste getöteter Demonstrantinnen und Demonstranten identifizieren.

Nach jüngsten Angaben der in Norwegen ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) wurden bislang mindestens 192 Menschen bei den Protesten getötet. Die Zahl könne jedoch "erheblich größer" sein, fügte IHR an.

Die Aktivistengruppe Human Rights Activists News Agency mit Sitz in den USA konnte nach eigenen Angaben bislang den Tod von 116 Menschen im Zuge der Proteste bestätigen, darunter 37 Mitglieder der Sicherheitskräfte oder anderer Behörden.

Das in den USA ansässige Center for Human Rights in Iran (CHRI) erhielt nach eigenen Angaben "Augenzeugenschilderungen und glaubwürdige Berichte", wonach seit Beginn der Internetsperre hunderte Protestierende getötet wurden. "Im Iran spielt sich ein Massaker ab", warnte die Gruppe. Die Krankenhäuser des Landes seien mit der Masse an Verletzten überfordert, es drohe ein Mangel an Blutkonserven.

Bei den Protesten am Samstagabend sei eine "beträchtliche" Zahl Demonstranten festgenommen worden, sagte Polizeichef Ahmed-Resa Radan im Staatsfernsehen. Verantwortliche für die "Unruhen" würden bestraft. Sicherheitschef Ali Laridschani zog eine Grenze zwischen "verständlichem" Protest gegen wirtschaftliche Probleme und "Aufrührern", die "terroristische Methoden" anwendeten.

Der iranische Parlamentspräsident Ghalibaf drohte den USA am Sonntag mit Vergeltung im Falle eines militärischen Eingreifens. US-Militärstützpunkte in der Region und die US-Schifffahrt wären dann "legitime Ziele", sagte er vor dem Parlament.

US-Präsident Trump hatte in den vergangenen Tagen wiederholt mit einem militärischen Eingreifen gedroht, falls die iranischen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die Demonstranten vorgingen. Einem Bericht der "New York Times" zufolge wurde der US-Präsident bereits über Optionen für militärische Angriffe auf den Iran informiert, hat aber noch nicht über eine mögliche Militäraktion entschieden. Die USA hatten bereits im Juni im Zuge eines zwölftägigen Krieges zwischen dem Iran und Israel Atomanlagen im Iran bombardiert.

Der in den USA lebende Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, rief die Demonstrierenden auf, ihre Proteste am Sonntag fortzusetzen. "Verlasst die Straßen nicht. Mein Herz ist bei euch. Ich weiß, dass ich bald an eurer Seite sein werde", schrieb er in Onlinediensten.

Unterdessen sollte sich der iranische Präsident Massud Peseschkian in einem Fernsehinterview äußern. Der Staatschef werde sich "zur wirtschaftlichen Lage im Land sowie den "Forderungen des Volkes" äußern, berichtete der TV-Sender Irib. Das Interview sei bereits aufgenommen und worden und sollte später am Sonntag ausgestrahlt werden.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte "die gewaltsame Unterdrückung der rechtmäßigen Demonstrationen" im Iran und versicherte, die EU stehe "voll" hinter den Demonstrierenden.

Das behördliche Vorgehen gegen die Proteste schränkt das öffentliche Leben unterdessen zunehmend ein, wie ein AFP-Reporter aus Teheran berichtete. Die Preise etwa für Fleisch haben sich binnen zwei Wochen fast verdoppelt, viele Geschäfte bleiben geschlossen. Die Schulen sind geschlossen, wegen der Internetsperre ist auch Homeschooling unmöglich, ebenso wie die Arbeit in zahllosen Büros.

(P.Tomczyk--DTZ)

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