Klitschko: Schwerster russischer Angriff auf Kiew seit Kriegsbeginn - Mindestens 17 Tote
Russland hat am Donnerstagmorgen nach den Worten von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko den schwersten Angriff auf die ukrainische Hauptstadt seit Kriegsbeginn ausgeführt. 17 Menschen seien bei dem Angriff mit Drohnen und Raketen getötet worden, erklärte der ukrainische Rettungsdienst. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte mehr Unterstützung der Verbündeten bei der Luftverteidigung. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte an, neue Sanktionen gegen Moskau vorzuschlagen. Das Auswärtige Amt in Berlin verurteilte den "massiven" Angriff "auf das Schärfste".
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP im Zentrum und im Osten von Kiew hörten mehr als ein Dutzend Explosionen. Sie sahen Einwohner, manche mit Kindern und Haustieren, die in U-Bahn-Stationen eilten, um sich in Sicherheit zu bringen.
Am Morgen standen Anwohner auf den Trümmern von Wohnblocks, die bei den Angriffen getroffen wurden, während Rauch über der Stadt aufstieg.
Erste Explosionen waren bereits am Mittwochabend in der ukrainischen Hauptstadt zu hören. Die Explosionen dauerten bis zum Donnerstagmorgen an, als russische Raketen und Drohnen in Wohngebiete im Stadtzentrum einschlugen.
"Die Hälfte des Gebäudes ist zerstört. Das Dach ist weg", sagte die 32-jährige Sabina Mambetowa, die vor den Trümmern ihrer Wohnung stand. "Ich stehe ohne Wohnung da und bin allein mit meinem Kind. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll."
Anwohner drängten sich in U-Bahn-Stationen oder kauerten sich in Kellern und Fluren zusammen, um sich vor den Angriffen zu schützen.
"Es ist schwer. Mein Kind ist es gewohnt, in völliger Stille und Dunkelheit zu schlafen", sagte die 32 Jahre alte Ärztin Kateryna Kutscherjawa AFP in der U-Bahn, während der Angriff noch andauerte. Ihr Kind sei aufgewacht. "Wir versuchen, sie wieder zum Einschlafen zu bringen, aber sie wird ständig abgelenkt. Hier ist es hell, Hunde bellen, andere Kinder sind in der Nähe."
Kiews Bürgermeister Klitschko erklärte den Freitag zum Trauertag im Gedenken an die Opfer.
Der ukrainische Präsident Selenskyj hatte am Mittwochabend mit Verweis auf Geheimdiensterkenntnisse vor einem "Großangriff" auf sein Land gewarnt, den der russische Präsident Wladimir Putin "seit geraumer Zeit" vorbereite.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland 496 Drohnen und 74 Raketen ab, darunter schwer abzufangende ballistische Raketen. 476 der Drohnen und 48 der Raketen seien abgeschossen worden.
Selenskyj drang nach dem Angriff auf Kiew auf eine Entscheidung der USA zu Lizenzen für die Produktion von Patriot-Flugabwehrraketen. "Lieferungen zur Luftverteidigung für die Ukraine haben absolute und entscheidende Priorität", erklärte er im Onlinedienst Facebook. Die Ukraine zähle "sehr stark" auf eine Entscheidung der USA zu Patriot-Lizenzen und anderen Formen der Zusammenarbeit. "Das sind die Schritte, die diesen Krieg stoppen und Angriffe wie diesen verhindern können", schrieb der ukrainische Präsident.
Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte, "die erschütternden Bilder der Zerstörung aus der letzten Nacht" zeigten "einmal mehr: Russland setzt seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit unverminderter Brutalität fort". Kreml-Chef Putin zeige "keinerlei Verhandlungsbereitschaft", erklärte ein Sprecher des Ministeriums weiter. "Er setzt weiter auf Raketen- und Drohnenterror gegen die Bevölkerung, während Russland an der Front enorme Verluste bei seiner Aggression gegen die Ukraine erleidet."
Die EU-Außenbeauftragte Kallas stellte neue Russland-Sanktionen in Aussicht. "Je mehr Moskau Zivilisten angreift, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden", erklärte sie in Online-Netzwerken. Sie werde vorschlagen, "weitere Einrichtungen zu sanktionieren, die Russlands militärisch-industriellen Komplex unterstützen".
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte, einen "massiven Angriff" auf Kiew ausgeführt zu haben. Es handele sich um eine "Reaktion auf die Terrorangriffe des Kiewer Regimes gegen zivile Infrastruktur". Es seien "Unternehmen der Rüstungsindustrie und Energieanlagen" ins Visier genommen worden.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte auf eine Frage von AFP zu möglichen neuen Sanktionen der EU, "Russland wird den Druck auf das Regime in Kiew weiter erhöhen, um seine gesetzten Ziele zu erreichen".
Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren nahezu in jeder Nacht mit Raketen- und Drohnenangriffen. Zuletzt hatte die ukrainische Armee ihre Gegenangriffe auf Russland und die von Russland besetzten Gebiete verstärkt.
In der Nacht zum Donnerstag wurde in der an die Ukraine angrenzenden russischen Region Belgorod nach Angaben der örtlichen Behörden ein Mensch getötet. Ein weiterer Mensch wurde Behördenangaben zufolge in der rund 400 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Region Nischni Nowgorod ebenfalls bei ukrainischen Drohnenangriffen getötet.
(W.Budayev--DTZ)