Deutsche Tageszeitung - 21 Tote bei bislang schwersten russischen Angriffen auf Kiew

21 Tote bei bislang schwersten russischen Angriffen auf Kiew


21 Tote bei bislang schwersten russischen Angriffen auf Kiew
21 Tote bei bislang schwersten russischen Angriffen auf Kiew / Foto: © UKRAINIAN RED CROSS/AFP

Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist von den schwersten russischen Angriffen seit Kriegsbeginn getroffen worden: Nach Angaben der Behörden wurden durch den Beschuss in der Nacht zum Donnerstag mindestens 21 Menschen getötet, 85 weitere Menschen wurden verletzt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte Vergeltung an. Moskau seinerseits will indes den "Druck" auf Kiew noch weiter erhöhen.

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Erste Explosionen waren bereits am Mittwochabend in der ukrainischen Hauptstadt zu hören. Die Explosionen dauerten bis zum Donnerstagmorgen an, als russische Raketen und Drohnen in Wohngebiete im Stadtzentrum einschlugen. Der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, sprach vom "massivsten Angriff des Feindes auf die Hauptstadt" und erklärte den Freitag zu einem Trauertag für die Opfer.

Nach Angaben einer EU-Kommissionssprecherin wurde auch ein Gebäude getroffen, in dem mehrere EU-Diplomaten untergebracht waren. Die Diplomaten seien zwar von den Angriffen "betroffen", aber in Sicherheit, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

Der ukrainische Präsident Selenskyj hatte am Mittwochabend mit Verweis auf Geheimdiensterkenntnisse vor einem "Großangriff" auf sein Land gewarnt, den der russische Präsident Wladimir Putin "seit geraumer Zeit" vorbereite. Er brach einen Besuch in Irland ab, um nach Kiew zurückzukehren. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland 496 Drohnen und 74 Raketen ab, darunter schwer abzufangende ballistische Raketen. 476 der Drohnen und 48 der Raketen seien abgeschossen worden.

Selenskyj forderte mehr Unterstützung der Verbündeten bei der Luftverteidigung. Er drang auf eine Entscheidung der USA zu Lizenzen für die Produktion von Munition für das Luftabwehrsystem Patriot in der Ukraine. "Das sind die Schritte, die diesen Krieg stoppen und Angriffe wie diesen verhindern können", erklärte er im Onlinedienst Facebook.

Mit Blick auf den Nato-Gipfel in Ankara in der kommenden Woche sagte Selenskyj in seiner täglichen Botschaft in den Online-Netzwerken, er erwarte dort Entscheidungen für eine schnellere Unterstützung bei der Luftverteidigung. Die Verteidigung gegen Luft- und Raketenangriffe müsse zu den wichtigsten Fragen gehören, sagte Selenskyj. "Vorausgesetzt natürlich, dass die Nato noch irgendeine Bedeutung für die Verbündeten hat."

Als er sich an einem zerstörten Wohnhaus ein Bild von der Lage machte, sagte Selenskyj auf die Frage von Journalisten, ob die Ukraine auf die russischen Angriffe mit Vergeltung reagieren würde: "Auf jeden Fall."

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte an, einen Beschluss über neue Sanktionen gegen Moskau vorantreiben zu wollen. "Je mehr Moskau Zivilisten angreift, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden", erklärte sie in Online-Netzwerken. Sie werde vorschlagen, "weitere Einrichtungen zu sanktionieren, die Russlands militärisch-industriellen Komplex unterstützen".

Das Auswärtige Amt in Berlin verurteilte den "massiven" Angriff "auf das Schärfste". Die "erschütternden Bilder der Zerstörung aus der letzten Nacht" zeigten "einmal mehr: Russland setzt seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit unverminderter Brutalität fort". Kreml-Chef Wladimir Putin zeige "keinerlei Verhandlungsbereitschaft", erklärte ein Sprecher des Ministeriums weiter.

Das russische Verteidigungsministerium bestätigte, einen "massiven Angriff" auf Kiew ausgeführt zu haben. Es handele sich um eine "Reaktion auf die Terrorangriffe des Kiewer Regimes gegen zivile Infrastruktur". Es seien "Unternehmen der Rüstungsindustrie und Energieanlagen" ins Visier genommen worden. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte auf eine Frage von AFP zu möglichen neuen Sanktionen der EU, "Russland wird den Druck auf das Regime in Kiew weiter erhöhen, um seine gesetzten Ziele zu erreichen".

Nach Angaben des Roten Kreuzes in der Ukraine wurde bei den Angriffen auch das Haupt-Lagerhaus der Hilfsorganisation in Kiew getroffen. Dabei seien humanitäre Güter und Ausrüstung im Wert von umgerechnet 1,75 Millionen Euro zerstört worden. Auch einer der größten Verlage der Ukraine meldete einen Treffer auf ein Lagerhaus. Dabei seien etwa 800.000 Bücher verbrannt, teilte das Verlagshaus BookChef Publishing mit, zu dessen Autoren unter anderen George Orwell sowie Michelle und Barack Obama zählen.

Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren nahezu in jeder Nacht mit Raketen- und Drohnenangriffen. Zuletzt hatte die ukrainische Armee ihre Gegenangriffe auf Russland und die von Russland besetzten Gebiete verstärkt und vielfach auch die Energieinfrastruktur ins Visier genommen.

In der Nacht zum Donnerstag wurde in der an die Ukraine angrenzenden russischen Region Belgorod nach Angaben der örtlichen Behörden ein Mensch getötet. Ein weiterer Mensch wurde Behördenangaben zufolge in der rund 400 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Region Nischni Nowgorod ebenfalls bei ukrainischen Drohnenangriffen getötet.

(Y.Ignatiev--DTZ)

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