Deutsche Tageszeitung - Thüringer BSW-Fraktion zerfällt: Koalition will trotz Parteiaustritten weiterarbeiten

Thüringer BSW-Fraktion zerfällt: Koalition will trotz Parteiaustritten weiterarbeiten


Thüringer BSW-Fraktion zerfällt: Koalition will trotz Parteiaustritten weiterarbeiten
Thüringer BSW-Fraktion zerfällt: Koalition will trotz Parteiaustritten weiterarbeiten / Foto: © AFP/Archiv

Der innerparteiliche Streit zwischen der BSW-Bundesspitze und dem Thüringer Landesverband ist mit einer Parteiaustrittswelle endgültig eskaliert und setzt die Koalition im Freistaat unter Druck. Zehn Abgeordnete der BSW-Landtagsfraktion um Landeschefin Katja Wolf erklärten am Freitag in Erfurt ihren Parteiaustritt und begründeten dies mit der Einmischung der Bundespartei um Gründerin Sahra Wagenknecht und deren fehlender Distanz zur AfD. Zugleich bekannten sich CDU, SPD sowie Wolf zur gemeinsamen Koalition.

Textgröße ändern:

Wolf, die im Kabinett von Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) Finanzministerin ist, und ihre Mitstreiter fühlen sich dem Koalitionsvertrag "weiter verpflichtet". Da gebe es "kein Rütteln", sagte Wolf. "Wir brauchen in Thüringen Stabilität." Wolf warf der Parteispitze vor, sie habe Thüringen "zum Spielball" gemacht und benutzt, "um Aufmerksamkeit zu bekommen im besonderen für die Wahl in Sachsen-Anhalt".

"Wir sind nicht gewählt für endlose Selbstbeschäftigung, wir sind nicht gewählt für ständige Abwehrkämpfe und wir sind nicht gewählt für das Ertragen von Flirts mit Rechtsradikalen", kritisierte Wolf in Richtung Bundespartei. Diese habe "rote Linien überschritten".

BSW-Gründerin Wagenknecht hält die Austrittswelle in Thüringen hingegen für ein bewusstes Manöver, um ihrer Partei "vor der Wahl in Sachsen-Anhalt maximal zu schaden", wie sie im Online-Dienst X schrieb. Letztlich sei es für die Partei "ein Befreiungsschlag". Die Wähler in Sachsen-Anhalt hätten nun am Sonntag "umso mehr Klarheit: Wo BSW draufsteht, ist auch BSW drin".

Die BSW-Bundesspitze hatte zuletzt offenen Druck auf den Thüringer Landesverband und dessen Abgeordnete ausgeübt, um diese zu einem Koalitionsbruch zu bewegen und Voigt zu stürzen. Die Thüringer BSW-Spitze und die BSW-Landtagsfraktion lehnten dies ab. Ein für Sonntag vor diesem Hintergrund geplanter Sonderparteitag wurde inzwischen abgesagt.

Aus dem BSW tritt demnach auch nahezu der gesamte Landesvorstand aus. Der nach wie vor bestehenden Fraktion gehören laut Fraktionschefin Sigrid Hupach derzeit noch zwölf Abgeordnete an. In den vergangenen Tagen waren bereits vier BSW-Abgeordnete aus der Partei, in drei Fällen davon auch aus der Fraktion ausgetreten. Über das weitere Vorgehen soll demnach auf einer Fraktionssitzung kommende Woche beraten werden. Denkbar wäre die Bildung einer neuen Fraktion oder Gruppe.

Ministerpräsident Voigt will die Koalition fortsetzen. "Wir vertrauen einander", sagte er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Wolf und SPD-Chef Georg Maier. "Wir arbeiten als Regierung ganz stabil zusammen". Drei der Minister in seinem Kabinett waren ursprünglich auf BSW-Ticket in den Landtag eingezogen. Voigt zufolge ist die Regierung weiter arbeitsfähig. "Dieses Land wird gut, ruhig und vor allem vernünftig geführt", sagte er.

Auch SPD-Landeschef und Innenminister Maier bekräftigte: "Wir haben einen Regierungsauftrag und dem möchten wir gerecht werden." Gleichwohl würden die SPD-Parteigremien sich mit der neuen Konstellation befassen.

Für Voigt und die seit 2024 regierende Koalition könnten die BSW-Austritte zur Belastungsprobe werden. Denn das Bündnis hat schon jetzt keine absolute Mehrheit im Landtag. Bei Beschlüssen etwa zum Landeshaushalt arbeitet die Koalition deshalb mit der Linkspartei zusammen. Voigt betonte, der vereinbarte Konsultationsmechanismus gelte auch weiterhin.

Die Linke sieht hingegen mit dem Zerfall des BSW die "Koalition in Thüringen geplatzt" - und das bisherige Modell für Absprachen im Parlament am Ende. Voigt und seine "Restkoalition" müssten nun erklären, "wie es im Thüringer Landtag weitergeht und wie die Landesregierung zu parlamentarischen Mehrheiten im Landtag kommen will, um die Arbeit des Parlaments nicht zu lähmen", erklärten die Parteichefs Katja Maurer und Ralf Plötner sowie Fraktionschef Christian Schaft. Dazu seien feste Verabredungen nötig.

AfD-Fraktionschef Björn Höcke forderte am Freitag zum wiederholten Male Neuwahlen. Seine Fraktion werde entsprechend die Auflösung des Landtags beantragen. "Ein Mandat ist kein persönlicher Besitz, den man nach Belieben in ein neues politisches Projekt mitnehmen kann", erklärte Höcke.

Die AfD, die die größte Landtagsfraktion stellt, arbeitet schon seit längerer Zeit auf einen Sturz von Voigt hin und umwarb dafür zuletzt erfolglos das BSW, dessen Bundesspitze einen Abgang Voigts zugunsten eines "überparteilichen Ministerpräsidenten" forderte.

Nach dem Willen der BSW-Bundesführung soll ein solcher Ministerpräsident mit wechselnden Mehrheiten auch unter Einbeziehung der AfD regieren. Für dieses Modell wirbt das BSW auch vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag. Umfragen dort sehen die Partei unter der Fünf-Prozent-Hürde.

(O.Zhukova--DTZ)

Empfohlen

Abschiebezentren: Deutschland und weitere EU-Länder wollen Abkommen mit Drittstaaten bis Jahreswechsel

Deutschland und vier weitere EU-Staaten wollen bis zum Jahreswechsel ein Abkommen mit Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union über die Errichtung von Abschiebezentren für abgelehnte Asylbewerber schließen. "Wir wollen in diesem Jahr noch eine Vereinbarung mit Drittländern erreichen, die dann den Aufbau von 'Return Hubs' ermöglichen", sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Freitag. Um welche Länder es sich handeln könnte, wurde nicht genannt.

US-Außenminister Rubio reist nach Kolumbien, Ecuador und Peru

US-Außenminister Marco Rubio reist kommende Woche nach Kolumbien, Ecuador und Peru. Die Reise findet von Dienstag bis Donnerstag statt, wie das US-Außenministerium am Freitag mitteilte. Ziel ist es demnach, "Schlüsselpartnerschaften der USA zu stärken", unter anderem durch eine verstärkte Zusammenarbeit im Kampf gegen Drogenkartelle und vertiefte Handelsbeziehungen.

Russische Drohne trifft Geheimdienst-Sitz in Kiew

Am helllichten Tag ist der Sitz des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU im Zentrum von Kiew von einer russischen Drohne getroffen worden. Der Angriff am Freitag habe "direkt" auf das Büro des Geheimdienstchefs gezielt, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Online-Dienst Telegram. AFP-Reporter sahen mehrere Krankenwagen nahe dem Gebäude im Herzen der ukrainischen Hauptstadt.

Anschläge auf Umspannwerke: Bei Fahndung nach Verdächtigem Wohnhaus durchsucht

Im Zusammenhang mit den Anschlägen auf Umspannwerke in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg ist die Polizei in Nordrhein-Westfalen am Freitag zu mehreren Einsätzen ausgerückt. Zuvor waren Schreiben aufgetaucht, in denen sich ein Mann zu den Sabotageaktionen bekannte. Das Haus in der Stadt Gevelsberg, in dem der mutmaßliche Verfasser gemeldet ist, wurde durchsucht.

Textgröße ändern: