Deutsche Tageszeitung - Brutaler, vernetzter, internationaler: BKA sieht Organisierte Kriminalität im Wandel

Brutaler, vernetzter, internationaler: BKA sieht Organisierte Kriminalität im Wandel


Brutaler, vernetzter, internationaler: BKA sieht Organisierte Kriminalität im Wandel
Brutaler, vernetzter, internationaler: BKA sieht Organisierte Kriminalität im Wandel / Foto: © AFP

"Verbrechen als Dienstleistung", minderjährige "Wegwerftäter" und Rauschgift als Hauptgeschäftsfeld: Bundesregierung und Bundeskriminalamt (BKA) sehen eine wachsende Bedrohung durch Organisierte Kriminalität: Die Zahl der Ermittlungsverfahren stieg im vergangenen Jahr um 5,6 Prozent auf 683, wie aus einem am Dienstag veröffentlichten Lagebild hervorgeht. Auch Staaten nutzen laut BKA-Chef Holger Münch kriminelle Strukturen, um auf Bestellung Sabotage, Cyberangriffe und Spionage zu verüben.

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"Organisierte Kriminalität ist eine wachsende Gefahr für unsere innere Sicherheit", warnte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) in Berlin bei der Vorstellung der Lagebilder Organisierte Kriminalität und Rauschgiftkriminalität. "Kriminelle Banden werden professioneller, brutaler und skrupelloser." Die Bereitschaft zur Gewalt steige "deutlich".

Im vergangenen Jahr zählten die Ermittler 20 Tötungsdelikte und 100 Körperverletzungen. Im Vorjahr waren es noch 13 Tötungsdelikte und 77 Körperverletzungen gewesen.

Bei der Organisierten Kriminalität wurden vergangenes Jahr insgesamt 7988 Tatverdächtige erfasst, wie das BKA weiter mitteilte. Dies war der höchste Wert der vergangenen fünf Jahre.

Die mit Abstand größte Gruppe von Tatverdächtigen hatte die deutsche Staatsbürgerschaft (2722). Es folgten Verdächtige aus der Türkei (664), Syrien (402), Albanien (281) und Polen (258).

BKA-Chef Münch verwies auf einen tiefgreifenden Wandel in der Organisierten Kriminalität: "Organisierte Kriminalität verändert ihr Gesicht: Kriminelle Netzwerke agieren heute viel stärker digital vernetzt, international und arbeitsteilig."

Dem Lagebild zufolge wiesen 69 Prozent der Ermittlungsverfahren einen transnationalen Bezug auf. Der festgestellte Schaden durch Organisierte Kriminalität belief sich im vergangenen Jahr auf fast 2,8 Milliarden Euro.

"Das klassische Bild" Organisierter Kriminalität, das von Abschottung und geschlossenen Strukturen geprägt gewesen sei, gehöre der Vergangenheit an, sagte Münch. Auch in Deutschland trete eine "neue Tätergeneration" auf, "die ihre Macht und Gewalttaten offensiv in Social Media inszeniert". Hierzu gehöre die türkischstämmige "Generation-Z-Mafia".

"Besonders perfide" sei, "dass auch Minderjährige zunehmend für Verbrechen missbraucht werden", sagte Dobrindt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Sie würden als "Wegwerftäter (...) rekrutiert, verheizt, fallen gelassen".

Gewalt werde von der Organisierten Kriminalität auch "als Dienstleistung angeboten", sagte Dobrindt. Dabei werde auch "der Rechtsstaat zum Ziel".

"Verbrechen als Dienstleistung" stelle die Ermittler vor neue Herausforderungen, sagte Münch. "Es ist nicht mehr nur die Frage, wer die Tat begang, sondern wer hat sie bestellt", sagte der BKA-Chef. So könne eine Gewalttat "gezielt über digitale Kanäle" wie soziale Medien oder Messenger aus dem Ausland bestellt werden.

Es gebe "auch zunehmend Anzeichen dafür, dass Staaten die Strukturen" der Organisierten Kriminalität nutzten, sagte Münch. Er nannte dabei Geldwäsche, Korruption oder Gewalt, die zur gesellschaftlichen Destabilisierung beitragen könnte. Auch Cyberangriffe könnten als "Verbrechen auf Bestellung" von staatlichen Akteuren eingekauft werden.

Rauschgiftkriminalität blieb im vergangenen Jahr mit rund 36,9 Prozent der Verfahren das Hauptbetätigungsfeld der Organisierten Kriminalität. Die Zahl der Delikte im Rauschgiftbereich ging aber um 4,6 Prozent auf 122.082 zurück. Dabei sind Daten zu Cannabis wegen der Teilliberalisierung bereits herausgerechnet.

Bei Kokain und Crack stieg die Zahl der Straftaten dem Lagebild zufolge im vergangenen Jahr um fast zwei Prozent auf 39.414. Insgesamt wurden demnach 10,1 Tonnen Kokain sichergestellt werden, davon 6,5 Tonnen in deutschen Häfen. Die Zahl der Rauschgifttoten lag mit 2150 weiter auf hohem Niveau. Ein Höchststand war im Jahr 2023 mit 2227 erreicht worden.

"Die 2150 Menschen, die im vergangenen Jahr an Drogen gestorben sind, sind auch Opfer der Organisierten Kriminalität", erklärte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck. "An jedem Gramm Kokain klebt Blut." Er forderte "Null Toleranz gegenüber denen, die an der Sucht verdienen".

(V.Korablyov--DTZ)

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