Deutsche Tageszeitung - Jahrestag-Gedenken in Israel während zunehmender politischer Spannungen vor Wahl

Jahrestag-Gedenken in Israel während zunehmender politischer Spannungen vor Wahl


Jahrestag-Gedenken in Israel während zunehmender politischer Spannungen vor Wahl

Am dritten Jahrestag des Hamas-Überfalls hat Israel mit Gedenkfeiern im ganzen Land der Opfer gedacht - das innenpolitische Klima verschärft sich derweil, rund drei Wochen vor der Parlamentswahl, weiter. Regierungschef Benjamin Netanjahu unterstrich am Mittwoch, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Der Ministerpräsident steht vor der Wahl unter Druck, ihm wird vorgeworfen, den Überfall nicht verhindert zu haben. "Wir werden wieder tanzen, wir werden wieder leben", sagte Präsident Isaac Herzog derweil am Ort des Nova-Musikfestivals. Israels Armee setzte unterdessen ihre Angriffe im Gazastreifen fort.

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Netanjahu betonte in einer Erklärung: "An diesem Tag vereint sich das Volk in Gedenken an und in der Sehnsucht nach unseren Liebsten. Wir werden den Auftrag erfüllen: Wir sind hier, und wir werden alle Mörder zur Rechenschaft ziehen". Der Ministerpräsident, der sich als Garant der Sicherheit Israels darstellt und Versäumnisse seinerseits vor dem 7. Oktober 2023 abstreitet, steht vor der Parlamentswahl am 27. Oktober - der ersten seit dem Hamas-Überfall - unter Druck. Umfragen zufolge könnte es für seine rechtsreligiöse Regierungskoalition bei der Wahl knapp werden.

Die Aufarbeitung des Hamas-Überfalls spielt eine wichtige Rolle im Wahlkampf. Netanjahu sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, vor dem 7. Oktober 2023 Warnungen vor einem Hamas-Großangriff ignoriert zu haben. Laut einem kürzlich veröffentlichten Medienbericht soll ihn die Führung der Vereinigten Arabischen Emirate davor gewarnt haben.

Landesweit fanden am Mittwoch Zeremonien zum Gedenken an die Opfer des Überfalls vor drei Jahren statt. In Re'im, auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals hielten die Anwesenden um 06.29 Uhr, der Uhrzeit des Beginns der Massaker, eine Schweigeminute ab.

Katia Zohar, deren 23-jährige Tochter vor drei Jahren getötet wurde, sprach "von der Minute, die unsere Leben für immer verändert hat". Ihre Tochter Bar habe sie damals angerufen und sie gebeten, abgeholt zu werden, "weil Raketen in der Luft waren". Später habe sie dann von der Straße aus angerufen und geschrien, "dass sie auf mich schießen".

Die Teilnehmer neigten während der Schweigeminute inmitten von Porträts ihrer getöteten Angehörigen und Freunde ihre Köpfe. Das Schweigen wurde jedoch von Techno-Musik unterbrochen, die im Gedenken an die Opfer abgespielt wurde.

Anna Davitashvili spielte bei dem Gedenken an ihren getöteten 25-jährigen Sohn den letzten Techno-Track ab, der damals vor Beginn des Angriffs auf dem Festival ertönt war. "Ich fühle ihn hier. Es tut mir so fürchterlich leid, dass ich ihn nicht retten konnte", sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.

Am frühen Abend hielt Präsident Herzog eine Ansprache. "Wir sind hier, um der Welt zu sagen: Wir werden wieder tanzen, wir werden wieder leben. Wir sind eine Nation, die leidet, aber wir beweisen immense Widerstandskraft", betonte er. Auch in den Kibbuzen Reim und Kfar Aza, die vor drei Jahren von den Hamas-Kämpfern überfallen wurden, wurden Gedenkfeiern abgehalten.

In Tel Aviv errichteten Aktivisten am Strand eine Installation mit Silhouetten, die die Opfer des Angriffs symbolisieren, und warfen der Regierung vor, dass der Überfall nicht verhindert wurde. Auch der frühere israelische Regierungschef Naftali Bennett sagte während des Gedenkens am Nova-Festivalort, möglich geworden sei der Hamas-Überfall durch ein "kolossales Versagen des Staates Israel, der gegründet wurde, um Juden in unserem Land zu verteidigen".

Die Hamas pries derweil den 7. Oktober 2023 als "glorreichen Tag in der Geschichte unseres Volkes". Die radikalislamische Palästinenserorganisation nahm in einer Erklärung für sich in Anspruch, im auf ihren Überfall folgenden Gaza-Krieg "den Mythos der unbezwingbaren (israelischen) Armee zerschmettert" zu haben.

Bei den Massakern am 7. Oktober 2023 hatten Kämpfer der Hamas und ihrer Verbündeten 1221 Menschen getötet und 251 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Allein beim Nova-Festival töteten sie mindestens 370 Menschen und nahmen 44 Geiseln. Es waren die schlimmsten Massaker an Juden seit dem Holocaust.

Israel reagierte mit massiven Angriffen im Gazastreifen, bei dem nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums mehr als 74.200 Menschen getötet wurden. Trotz einer im Oktober vergangenen Jahres vereinbarten Waffenruhe greift die israelische Armee weiterhin Ziele im Gazastreifen an.

Auch am Jahrestag des Hamas-Überfalls gab es wieder Angriffe. An der Nova-Gedenkstätte hörten Journalisten der Nachrichtenagentur AFP auch laute Knallgeräusche, die aus dem Gazastreifen hinüberdrangen. Das Al-Schifa-Krankenhaus in der Stadt Gaza teilte mit, dass bei nächtlichen israelischen Luftangriffen zwei Menschen getötet worden seien. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Zivilschutzes handelt es sich bei einem von ihnen um einen freiwilligen Rettungshelfer. Die israelische Armee erklärte derweil, sie habe "zwei Hamas-Terroristen" getötet, die Anschläge auf israelische Soldaten geplant hatten.

In der Stadt Chan Junis im Süden des Palästinensergebiets wurde nach Angaben des Nasser-Hospitals ein Mann bei einem israelischen Angriff getötet und weitere verletzt. Das Krankenhaus meldete zudem je ein Todesopfer nach Angriffen südlich von Chan Junis und im Lager von al-Burak.

(L.Møller--DTZ)

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