Deutsche Tageszeitung - Bahn-Tarifabschluss löst politische Debatte über 35-Stunden-Woche aus

Bahn-Tarifabschluss löst politische Debatte über 35-Stunden-Woche aus


Bahn-Tarifabschluss löst politische Debatte über 35-Stunden-Woche aus
Bahn-Tarifabschluss löst politische Debatte über 35-Stunden-Woche aus / Foto: © AFP

Die Tarifeinigung bei der Deutschen Bahn auf eine 35-Stunden-Woche für Lokführer hat eine politische Debatte ausgelöst. Vertreter von Grünen und Linken halten die reduzierte Wochenarbeitszeit für ein mögliches Vorbild für andere Branchen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann prangerte dies hingegen als Hindernis auf dem Weg zu wirtschaftlicher Stärke an. Wirtschaftswissenschaftler wie die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sehen die Tendenz zu einer geringeren Arbeitszeit ebenfalls kritisch.

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"Insbesondere für stark belastete Berufe ist Arbeitszeitverkürzung eine Option", sagte der Grünen-Arbeitsmarktexperte und frühere Verdi-Chef Frank Bsirske dem Berliner "Tagesspiegel" vom Mittwoch. "Sie hilft, die Tätigkeit länger gesund ausüben zu können und macht es einfacher, Berufsnachwuchs zu gewinnen."

Ähnlich äußerte sich der Linken-Abgeordnete Bernd Riexinger. "Ich bin überzeugt davon, dass weitere Berufsgruppen wie die Beschäftigten im ÖPNV, Erzieherinnen und Pfleger folgen werden", sagte er der Zeitung. Gewerkschaften und Linke forderten "seit langem" die 35-Stunden-Woche. Die Lokführergewerkschaft GDL habe vorgemacht, wie diese Forderung mit einem Arbeitskampf durchgesetzt werden könne.

Bahn und GDL hatten am Montag eine Einigung im monatelangen Tarifkampf erzielt und die Details dazu am Dienstag vorgestellt. Demnach verständigten sich beide Parteien unter anderem auf eine schrittweise Absenkung der wöchentlichen Regelarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden bis 2029 bei vollem Lohnausgleich. Das war eine der Hauptforderungen der GDL.

CDU-Generalsekretär Linnemann sieht darin mittelfristig eine Gefahr für Wirtschaft und Wohlstand. "Anstrengungslosen Wohlstand gibt es nicht", sagte er dem Sender Welt TV. "Was mich besonders stört (...) ist, dass wir etwas erlebt haben bei der Bahn, was vielleicht spiegelbildlich für dieses Land steht, nämlich dass jeder nur an sich denkt, zulasten der Allgemeinheit."

Skeptisch ist auch die FDP: "Man kann Arbeitszeit dann reduzieren, wenn man produktiver wird", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher FDP-Bundestagsfraktion, Reinhard Houben, im ARD-"Morgenmagazin". Dort, wo die Produktivität nicht gesteigert werden könne, sei solch ein Modell "schwierig".

Schnitzer, Chefin der Wirtschaftsweisen, kann der Arbeitszeitreduzierung ebenfalls nicht viel abgewinnen. "Einen positiven Effekt kann ich jetzt erstmal nicht sehen", sagte sie dem Fernsehsender Phoenix. "Es ist auch nicht zu erwarten, dass man in 35 Stunden so viel Arbeit leisten kann, wie in 40 Stunden." In welchen Branchen die verkürzte Wochenarbeitszeit dennoch möglich sei, hänge "sehr vom Beruf ab".

Bei der Vorstellung der Frühjahrsprognose der Wirtschaftsinstitute am Mittwoch machten die Wissenschaftler deutlich, dass sie eine Arbeitszeitreduktion nicht für den richtigen Weg halten. Die derzeit aktive Generation könne sich jedenfalls bei der Abwägung zwischen Arbeit und Freizeit "keinen ganz schlanken Fuß machen (...), weil sonst natürlich die Abgabenquote immer weiter steigen muss", sagte Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Der Staat sollte Anreize schaffen, "dass sich Mehrarbeit stärker lohnt".

Das gelte im Übrigen auch für die Lebensarbeitszeit: Wirtschaftswissenschaftler seien sich einig, dass alles andere als ein höheres Renteneintrittsalter nicht finanzierbar sei, sagte Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut. Das wolle jedoch kein Politiker angehen, "weil es eine Debatte ist, die einem wahrscheinlich keinen Wahlerfolg bescheren wird".

(V.Sørensen--DTZ)

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