Deutsche Tageszeitung - Industrie pocht auf mehr Investitionen - Scholz verspricht "viel mehr Tempo"

Industrie pocht auf mehr Investitionen - Scholz verspricht "viel mehr Tempo"


Industrie pocht auf mehr Investitionen - Scholz verspricht "viel mehr Tempo"

Die deutsche Wirtschaft poocht angesichts der Konjunkturschwäche auf mehr öffentliche Investitionen. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, verteidigte am Montag dennoch die Schuldenbremse und forderte stattdessen "unbequeme und schmerzhafte" Schritte. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) warb beim Tag der Industrie in Berlin für die bisherige Bilanz seiner Regierung und versprach nach vorne blickend "viel mehr Tempo".

Textgröße ändern:

Der BDI hatte vor knapp zwei Wochen Berechnungen vorgelegt, wonach in den derzeitigen Haushaltsplanungen öffentliche Investitionen in Höhe von 400 Milliarden Euro insbesondere für Verkehrs- und Bildungsinfrastruktur über die kommenden zehn Jahre fehlen. Um diese Lücke zu schließen, seien auch schuldenfinanzierte Sondervermögen denkbar, erklärte der Verband. Russwurm bekräftigte dies und sprach von "präzise zweckgebundenen und zeitlich klar definierten Kreditpaketen".

"Wir fordern nicht neue Mehrausgaben des Staates", präzisierte Russwurm. Der BDI sei gegen eine Lockerung der Schuldenbremse. Stattdessen brauche es strukturelle Reformen, eine digitale Verwaltung und "den Mut zu unbequemen und schmerzhaften Entscheidungen" bei der Priorisierung der Haushaltsmittel. Nur dann noch bleibende Lücken könnten laut Russwurm schuldenfinanziert geschlossen werden.

An welcher Stelle genau er den Rotstift ansetzen würde - ob bei der Rente oder etwa dem Bürgergeld - präzisierte der BDI-Chef nicht. Es müssten "alle staatlichen Leistungen" darauf geprüft werden, ob Deutschland sie sich noch leisten könne. "Und es tut dann weh, klar", sagte lediglich. Aber "die Diskussion, die wird zu wenig geführt".

Die Verhandlungen in der Bundesregierung über den Staatshaushalt für das kommende Jahr gehen derzeit in die entscheidende Phase. Das Bundeskabinett will den Etatplan am 3. Juli verabschieden. Die FDP und ihr Bundesfinanzminister Christian Lindner pochen auf ein striktes Einhalten der Schuldenbremse und fordern einen harten Sparkurs mit Einschnitten insbesondere im Sozialbereich.

Der Weg aus der wirtschaftlichen Stagnation führe "nicht über ein schuldenfinanziertes Sondervermögen, sondern über eine radikale Wachstumsagenda", sagte am Montag der FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler. Er forderte oberste Priorität für "Steuersenkungen, Bürokratieabbau und der Kampf gegen den Fachkräftemangel" sowie neue Freihandelsabkommen.

"Handelsabkommen müssen auf der Agenda ganz nach oben", forderte auch Russwurm. Er kritisierte die Idee, europäische Werte "in anderen Ländern durch wirtschaftlichen Druck durchzusetzen", als "gelinde gesagt naiv". Bei Freihandelsabkommen müsse gelten: "Pragmatismus vor Idealismus."

Auch Scholz mahnte mehr Pragmatismus an. "Wenn wir dann Freihandelsverträge haben, in denen nicht alles steht, was man sich darin wünschen könnte, aber die dann schnell geschlossen werden, dann haben wir alle einen Gewinn davon", sagte der Kanzler. Er kündigte an, er werde sich "gegenüber der neuen EU-Kommission mit Nachdruck für mehr und bessere Freihandelsverträge einsetzen". Freihandel sei eine der Grundlagen des Wohlstands in Deutschland und in Europa.

Beim Thema Investitionen stimmte der Kanzler dem BDI-Chef ebenfalls zu: "Wir brauchen hohe Investitionen, denn wir haben unsere Infrastruktur ja, wie schon gesagt, zu lange auf Verschleiß gefahren", sagte Scholz. "Dafür zahlen wir heute doppelt und dreifach mit Zugverspätung, zum Beispiel, mit Brückensperrungen und maroden öffentlichen Gebäuden." Dazu, wo das Geld herkommen soll, äußerte er sich nicht.

(W.Uljanov--DTZ)

Empfohlen

Wirtschaftsweise Grimm nennt neuen Tankrabatt "zynisch"

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat die Entscheidung der Bundesregierung für einen neuen Tankrabatt scharf kritisiert. Es sei "zynisch", auf Kosten der jungen Generation das Fahren von Autos mit Verbrennungsmotor zu subventionieren, sagte die Ökonomin dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Sonntagsausgabe).

Bericht: Geheime Technik von US-Tarnkappenjet F-35 nach Hongkong umgeleitet

Geheime Technik des hochmodernen US-Tarnkappenjets F-35 ist einem Medienbericht zufolge womöglich China in die Hände gefallen. Die Plattform Politico berichtete am Freitag, dass eine Ladung mit Teilen des Flugzeugs, darunter die Cockpithaube mit der Tarnkappentechnologie, auf dem Weg von Australien in die USA nach Hongkong umgeleitet wurde und seither als vermisst gilt. Der Tarnkappen-Jet F-35 gilt als das modernste Kampfflugzeug der Welt, erst am Freitag nahm Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) den ersten Jet für die Bundeswehr in Empfang.

Neuer Chef der Meyer Werft sieht Kreuzfahrtschiffbauer auf gutem Kurs

Der neue Chef der Meyer Werft, André Walter, sieht das finanziell angeschlagene Traditionsunternehmen auf einem guten Kurs. "Die Werft hatte finanzielle und wirtschaftliche Probleme, das ist bekannt. Aber es gibt einen klaren Plan, um da herauszukommen, und den arbeiten wir jetzt konsequent ab", sagte der 60-Jährige ehemalige Airbus-Manager der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ, Samstagsausgabe). Der Kreuzfahrtschiffbauer habe eine "sehr gute Zukunftsperspektive".

Google-KI Gemini hat während eines Tests Cyberattacken ausgeführt

Inmitten der Debatte über die Gefahren durch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) hat auch Google einen Sicherheitsvorfall beim Test seines KI-Modells Gemini gemeldet. Gemini habe Cyberangriffe auf mehrere Websites ausgeführt, teilte die Google-Managerin Heather Adkins am Freitag der Nachrichtenagentur AFP mit. Die Hackerangriffe, die sich im Mai ereignet hatten, waren im Juli von Google entdeckt worden. Zunächst hatte das "Wall Street Journal" über die Vorfälle berichtet.

Textgröße ändern: