Deutsche Tageszeitung - Dienstjahr für Rentner: Ökonom Fratzscher sorgt mit Idee für Welle der Kritik

Dienstjahr für Rentner: Ökonom Fratzscher sorgt mit Idee für Welle der Kritik


Dienstjahr für Rentner: Ökonom Fratzscher sorgt mit Idee für Welle der Kritik
Dienstjahr für Rentner: Ökonom Fratzscher sorgt mit Idee für Welle der Kritik / Foto: © AFP/Archiv

Für eine mögliche Rentenreform gab es schon viele umstrittene Vorschläge, doch dieser kam nirgendwo gut an: Der Ökonom Marcel Fratzscher hat im "Spiegel" ein Dienstjahr für Rentner gefordert und damit prompt für eine Welle von Kritik gesorgt. Senioren für soziale Dienste oder die Bundeswehr heranzuziehen, lehnten Parteien über die politischen Lager hinweg ab. Der Sozialverband VdK sprach von einer "Schnapsidee".

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Ein "verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentnerinnen und Rentner" stelle er sich vor, sagte Fratzscher dem "Spiegel". Die ältere Generation müsse sich gesellschaftlich "stärker einbringen, beispielsweise im Sozialbereich, aber auch bei der Verteidigung". Die Bundeswehr würde dann von den technischen Fähigkeiten vieler Rentner profitieren, sagte Fratzscher. "Warum sollten wir die nicht nutzen, gerade von Leuten, die früher bei der Bundeswehr ausgebildet wurden?"

Die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht verenge sich häufig auf die jungen Generationen, beklagte Fratzscher. Diese seien aber bereits stark durch steigende Sozialabgaben und die Folgen des Klimawandels belastet. "Wir brauchen mehr Solidarität der Alten mit den Jungen", sagte Fratzscher.

Für den Vorstoß erntete er umgehend breite Ablehnung. Die Idee greife zu kurz, sagte die CSU-Politikerin Anja Weisgerber der Nachrichtenagentur AFP. "Statt pauschalem Zwang brauchen wir ein Umfeld, das freiwilliges Engagement stärkt und die unterschiedlichen Lebensrealitäten älterer Menschen berücksichtigt." Viele leisteten bereits durch Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe oder jahrzehntelange Beitragszahlungen ihren Beitrag.

Der arbeits- und sozialpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, René Springer, sagte AFP, wer jahrzehntelang gearbeitet und Steuern und Beiträge gezahlt habe, verdiene Respekt und Anerkennung und keine "Zwangsdienste im Alter". Fratzschers Vorstoß sei "ein Schlag ins Gesicht aller Fleißigen, die dieses Land aufgebaut haben".

Die rentenpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, Sarah Vollath, warnte bei AFP davor, "die Generationen ständig gegeneinander auszuspielen". Gerade bei der Rente gehe es nicht um einen Konflikt zwischen Jung und Alt, sondern um eine Klassenfrage. Die Linke lehne Zwangsdienste grundsätzlich ab, sagte Vollath. Rentnerinnen und Rentner nach ihrem Arbeitsleben zu einem sozialen Pflichtjahr zu zwingen, gehe "völlig an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben".

FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki lehnte Fratzschers Vorschlag ebenfalls klar ab. "Wenig intelligente Vorschläge von Herrn Fratzscher sind wir gewohnt, aber dieser ist bösartig", sagte Kubicki AFP. "Offensichtlich will er die ältere Generation dafür bestrafen, dass sie ihren Wohlstand und den Wohlstand unserer Republik gemehrt haben." Kubicki wirft Fratzscher vor, für jedes Problem eine Gruppe von Schuldigen in der Gesellschaft zu suchen.

BSW-Chefin Sahra Wagenknecht stört sich vor allem an der Idee, Ältere bei der Verteidigung einzusetzen. "Der Militarismus hat jetzt offenbar auch die Hirne von Deutschlands Top-Ökonomen vernebelt", sagte Wagenknecht der AFP. "Der Vorschlag, alten Menschen, die ihr Leben lang geschuftet haben und zum Dank dafür in Deutschland oft genug mit Armutsrenten abgespeist werden, jetzt noch ein Pflichtjahr, bevorzugt bei der Bundeswehr, aufzudrücken, ist an Zynismus kaum zu überbieten."

Das Bundessozialministerium äußerte sich zu dem Vorschlag zunächst nicht. Es gebe grundsätzlich "enorm viele Forderungen und Vorstellungen beim Thema Rente", die derzeit im Raum stünden, sagte eine Sprecherin. Deshalb werde nun Anfang 2026 auch eine Rentenkommission eingesetzt, in der diese diskutiert würden. Sie soll 2027 ihre Ergebnisse vorlegen.

Kritik kam auch vom Sozialverband VdK. Präsidentin Verena Bentele sagte AFP, es entstehe "mehr und mehr der Eindruck, dass Rentnerinnen und Rentner für das zur Verantwortung gezogen werden sollen, was in unserer Gesellschaft nicht funktioniert". Dabei übernähmen viele schon heute "einen wichtigen Beitrag für eine solidarische Gesellschaft", etwa indem sie sich um Kinder und andere Angehörige kümmern.

(O.Zhukova--DTZ)

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