Deutsche Tageszeitung - Fast die Hälfte Kiews nach russischem Angriff ohne Strom und Heizung

Fast die Hälfte Kiews nach russischem Angriff ohne Strom und Heizung


Fast die Hälfte Kiews nach russischem Angriff ohne Strom und Heizung
Fast die Hälfte Kiews nach russischem Angriff ohne Strom und Heizung / Foto: © AFP

Nach einem russischen Luftangriff ist fast die Hälfte der ukrainischen Hauptstadt Kiew bei zweistelligen Minusgraden ohne Strom und Heizung. Nach dem nächtlichen Angriff seien "5635 Wohngebäude ohne Heizung", erklärte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko am Dienstag im Onlinedienst Telegram. Die stellvertretende ukrainische Außenministerin Mariana Betsa bestätigte dies. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) sagte der Ukraine angesichts der Angriffe weitere Hilfen in Höhe von 60 Millionen Euro zu.

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In Kiew herrschten am Dienstag Temperaturen von bis zu minus 14 Grad Celsius. In weiten Teilen der Stadt sei die Wasserversorgung unterbrochen, erklärte Bürgermeister Klitschko. Mindestens eine Frau wurde bei den Angriffen demnach verletzt. Zu den bei den Bombardements beschädigten Gebäuden zählt laut Klitschko ein Schulgebäude.

Russland griff die Ukraine laut der ukrainischen Luftwaffe in der Nacht mit 339 weitreichenden Kampfdrohnen und 34 Raketen an. Kiew war demnach das "Hauptziel". AFP-Reporter berichteten über mehrere Explosionen im Zentrum der Hauptstadt. Auch die ukrainische Luftabwehr war im Einsatz.

In der Nähe von Kiew wurde ein 50-jähriger Mann getötet, wie der dortige Gouverneur im Onlinedienst Telegram mitteilte. Auch in anderen ukrainischen Regionen, darunter Odessa im Süden, Riwne im Nordwesten und Winnyzja im Zentrum der Ukraine, gab es Angriffe auf die Energieinfrastruktur, wie die örtlichen Behörden mitteilten.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) meldete unterdessen, dass im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl infolge russischer Angriffe die gesamte Stromversorgung unterbrochen worden sei. Auch die Stromleitungen zu anderen Kernkraftwerken seien betroffen, teilte die IAEA am Dienstag mit. Betroffen sind demnach mehrere für die Sicherheit der Anlagen wichtige ukrainische Umspannwerke. Im rund 100 Kilometer nördlich von Kiew gelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl war am 26. April 1986 ein Reaktor explodiert. Der Vorfall zu Sowjetzeiten gilt als weltweit größte Atomkatastrophe.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha warf dem russischen Präsidenten Wladimir Putin angesichts der Angriffe vor, einen "völkermörderischen Krieg gegen Frauen, Kinder und ältere Menschen" zu führen. Die neuen Angriffe sollten für die beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos versammelten Staats- und Regierungschefs ein "Warnsignal" sein, erklärte Sybiha. Er rief die Verbündeten seines Landes zudem auf, die Luftverteidigungssysteme der Ukraine zu stärken. Die ukrainische Bevölkerung sei "dringend" auf Unterstützung angewiesen. "Ohne einen anhaltenden Frieden für die Ukraine wird es keinen Frieden in Europa geben", betonte er in Onlinenetzwerken.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte an, zunächst nicht am Weltwirtschaftsforum in Davos teilzunehmen, um sich um die Auswirkungen des russischen Angriffs zu kümmern. Zugleich hielt er sich die Möglichkeit offen, doch noch in die Schweiz zu reisen, falls es möglich sei, Vereinbarungen mit den USA über mögliche wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unterstützung für die Zeit nach dem Krieg zu unterzeichnen.

Bundesaußenminister Wadephul sagte der Ukraine angesichts der russischen Angriffe "im kältesten Winter seit Kriegsbeginn" weitere Unterstützung zu: "Damit die Menschen in der Ukraine, die jeden Tag auch Europas Freiheit verteidigen, so gut es geht durch den Winter kommen, helfen wir mit weiteren 60 Millionen Euro", erklärte Wadephul im Onlinedienst X. Das Geld sei zum Beispiel für "Notstromaggregate, Brennstoffe und Heizungen" vorgesehen. Ziel sei, dass "Putins Plan, den Widerstand zu brechen, nicht aufgeht", betonte der Außenminister.

Die Vereinten Nationen verurteilten Russlands "großangelegte Angriffe" auf die ukrainische Energieinfrastruktur scharf. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk erklärte, er sei über die "grausamen" Luftangriffe "empört". Die Zivilbevölkerung trage die "Hauptlast" dieser Angriffe, fügte er hinzu.

Russland greift die ukrainische Energieinfrastruktur immer wieder mit Drohnen und Raketen an, um die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. Kiew und viele weitere Städte sind dadurch oft in Dunkelheit getaucht, die Bewohnerinnen und Bewohner können nur schlecht heizen. Selenskyj hatte am Freitag den Energie-Notstand für die Hauptstadtregion ausgerufen.

Am 9. Januar hatte die russische Armee ihren bislang heftigsten Angriff auf die Energieinfrastruktur der ukrainischen Hauptstadt ausgeführt. Rund die Hälfte der Stadt war in dessen Folge bei klirrender Kälte von der Wärmeversorgung abgeschnitten. Zahlreiche Kiewer hatten tagelang keinen Strom.

Bürgermeister Klitschko zufolge waren 80 Prozent der Gebäude, in denen die Heizung infolge des erneuten russischen Angriffs ausfiel, bereits vor zehn Tagen betroffen.

(V.Sørensen--DTZ)

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