Deutsche Tageszeitung - US-Prozess um Social-Media-Sucht: Staatsanwältin wirft Meta "Ausnutzung" von Kindern vor

US-Prozess um Social-Media-Sucht: Staatsanwältin wirft Meta "Ausnutzung" von Kindern vor


US-Prozess um Social-Media-Sucht: Staatsanwältin wirft Meta "Ausnutzung" von Kindern vor
US-Prozess um Social-Media-Sucht: Staatsanwältin wirft Meta "Ausnutzung" von Kindern vor / Foto: © AFP

Schwere Vorwürfe gegen den Mutterkonzern von Instagram und Facebook: In einem womöglich wegweisenden US-Prozess um Social-Media-Sucht hat die Staatsanwaltschaft dem US-Unternehmen Meta vorgeworfen, Kinder und Jugendliche abhängig gemacht zu haben. Der Konzern habe die Funktionsweise ihrer Gehirne "ausgenutzt" und die Öffentlichkeit gezielt in die Irre geführt, sagte Kaliforniens stellvertretende Generalstaatsanwältin Megan O'Neill am Dienstag in ihrem Eröffnungsplädoyer. Die Verteidigung wies die Vorwürfe zurück.

Textgröße ändern:

Meta muss sich vor dem Gericht im kalifornischen Oakland wegen des Vorwurfs verantworten, mit seinen Online-Netzwerken Minderjährige abhängig und damit psychisch krank zu machen. In den USA wurde schon eine Vielzahl von Prozessen gegen Online-Netzwerke angestrengt. Diesmal steht erstmals eine Entscheidung auf Bundesebene an. Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey führen den Pilotprozess stellvertretend für insgesamt 29 Bundesstaaten. Weitere Prozesse gegen Anbieter von Online-Diensten wie Tiktok, Snapchat und Youtube werden erwartet.

"Metas Geschäftsmodell lässt sich auf vier einfache Punkte reduzieren: Nutzer an sich binden, sie so lange wie möglich halten, ihre Daten abschöpfen, und dann die Wahrheit vor der Öffentlichkeit verbergen", führte Kaliforniens stellvertretende Generalstaatsanwältin O'Neill aus.

Colorados Generalstaatsanwalt Phil Weiser sagte bei einer Pressekonferenz, die Bundesstaaten griffen nun dort ein, "wo der Kongress es versäumt hat zu handeln". Er zog einen Vergleich zu wegweisenden Klagen gegen Tabakkonzerne in der Vergangenheit und deren Folgen für das Gesundheitswesen.

Metas Anwalt Paul Schmidt gestand in seinem Eröffnungsplädoyer zwar ein, dass einige Nutzer durch Online-Netzwerke zu Schaden gekommen seien. Der Konzern habe aber immer "versucht, Instrumente zu entwickeln, um ihnen zu helfen". Bereits vor Prozessbeginn hatte Meta alle Vorwürfe zurückgewiesen.

Der frühere Meta-Technikchef Arturo Bejar sagte vor Gericht, dass es in Facebooks Anfangsjahren vor allem um eine schnelle Entwicklung gegangen sei. Sicherheit und Schutz von Nutzern seien "oft ein nachträglicher Gedanke gewesen". Meta hatte versucht, eine Zeugenaussage Bejars zu verhindern. Das wies Richterin Yvonne Gonzalez Rogers zurück.

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten Aktivisten und Mütter, deren Kinder nach ihren Angaben in Folge der Nutzung der Onlinedienste Suizid begangen hatten. "Kein Unternehmen - ganz egal, wie reich, einflussreich oder vermeintlich unangreifbar es sich fühlt - darf über der Wahrheit, dem Gesetz und unseren Kindern stehen", sagte die Mutter Lori Schott.

Mehrere US-Bundesstaaten verlangen in dem Prozess Beschränkungen bei Instagram- und Facebook-Funktionen sowie eine massive Strafzahlung von rund 200 Milliarden Dollar (rund 173 Milliarden Euro). Die Summe ergibt sich daraus, dass die Generalstaatsanwaltschaften für jeden betroffenen Heranwachsenden im Land mehrere tausend Dollar Strafe veranschlagen.

Bei den geforderten Beschränkungen geht es um Funktionen wie das Endlos-Scrollen, sehr häufige Benachrichtigungen und das Zählen von "Gefällt mir"-Reaktionen. Die Kläger wenden sich also gegen die Art, wie die Online-Netzwerke konzipiert sind, und nicht gegen die Inhalte, die sie verbreiten - denn hierbei gesteht das US-Recht den Netzwerken weitgehende Immunität zu.

Die Anklage will auch Meta-Chef Mark Zuckerberg zu den Vorwürfen befragen. Vorgeladen ist auch Instagram-Chef Adam Mosseri. Mit einem Urteil wird Anfang Oktober gerechnet.

Der Prozess geht auf die sogenannten Facebook Files zurück, welche die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen Ende 2021 veröffentlichte. Dabei handelt es sich um tausende Seiten mit den Ergebnissen einer konzerninternen Recherche zu den Auswirkungen der Online-Netzwerke von Meta auf die seelische Gesundheit minderjähriger Nutzerinnen.

Obwohl die schädlichen Auswirkungen des Social-Media-Konsums dem Konzern demnach bekannt waren, wies er in öffentlichen Stellungnahmen Bedenken und Warnungen zurück. Gleichzeitig soll er die Netzwerke absichtlich so konzipiert haben, dass sie Suchtverhalten hervorrufen.

Nach diesen Enthüllungen leiteten dutzende US-Bundesstaaten eine gemeinsame Untersuchung der Vorwürfe ein. Zwei Jahre später reichten 29 von ihnen Klage gegen Meta ein. Sollte der Konzern vor Gericht unterliegen, soll er mit allen klagenden Bundesstaaten eine Vereinbarung schließen.

Der Prozess belaste Meta vor allem wegen möglicherweise umzusetzender Änderungen bei seinen Online-Diensten und wegen eines möglichen Imageschadens, sagte Vincent Joralemon von der Universität Berkeley in Kalifornien der Nachrichtenagentur AFP. Er verglich den Prozess mit den Klagen dutzender US-Bundesstaaten gegen vier führende Tabakkonzerne wegen der gesundheitlichen Folgen des Rauchens Ende der 90er Jahre. Dabei errangen die Kläger 1998 einen wegweisenden Vergleich. Dieser verpflichtete die Tabakkonzerne zu hohen Geldstrafen und Änderungen bei der Produktwerbung.

(I.Beryonev--DTZ)

Empfohlen

Fast zwei Billionen: US-Neuverschuldung steigt unter Trump auf Fünf-Jahres-Hoch

Die Neuverschuldung der USA ist trotz der von Präsident Donald Trump angekündigten Ausgabenkürzungen auf den höchsten Stand seit 2021 gestiegen. Im Haushaltsjahr 2026, das Ende September endete, betrug das Defizit 1,99 Billionen Dollar und damit zwölf Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Finanzministerium am Freitag in Washington mitteilte.

Selenskyj setzt nach Streit mit Trump verstärkt auf die Europäer

Wenn es mit den USA knirscht, kann die Ukraine immer noch auf Europa zählen: Das versicherten sich EU-Staats- und Regierungschefs und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am zweiten Tag des EU-Gipfels gegenseitig. "Unterstützung und nur Unterstützung" habe er von seinen EU-Kollegen erhalten, sagte Selenskyj am Freitag vor Journalisten in Brüssel. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte unterdessen Verständnis dafür, dass die Ukraine ihre Angriffe auf Russland fortsetzt.

Merz nach Einigung mit Frankreich: Verbrenner-Aus ist "damit Geschichte"

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich angesichts der deutsch-französischen Einigung zur Autoindustriepolitik erleichtert gezeigt. "Ich will es mal ganz einfach so sagen: Das Verbrenner-Aus ist dann damit Geschichte", sagte Merz zum Ende des EU-Gipfels in Brüssel am Freitag. Er sei "sehr dankbar", dass dies gelungen sei.

Nach Diesel-Deal: Selenskyj warnt vor weiteren Lockerungen bei Sanktionen

Angesichts der derzeit angespannten Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine hat sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Brüssel der Unterstützung seiner europäischen Verbündeten versichert. Er habe von seinen europäischen Kollegen "Unterstützung und nur Unterstützung" erhalten, sagte Selenskyj am Rande des EU-Gipfels am Freitag vor Journalisten. Mit Blick auf die Drosselung des Satelliten-Kommunikationsdienstes Starlink bemerkte er, die Geschwindigkeit sei noch nicht wieder voll hergestellt.

Textgröße ändern: