Deutsche Tageszeitung - Zehntausende Beschäftigte protestieren gegen "Kahlschlag" in der Autoindustrie

Zehntausende Beschäftigte protestieren gegen "Kahlschlag" in der Autoindustrie


Zehntausende Beschäftigte protestieren gegen "Kahlschlag" in der Autoindustrie
Zehntausende Beschäftigte protestieren gegen "Kahlschlag" in der Autoindustrie / Foto: © AFP

Mit Betriebsversammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen haben bundesweit zehntausende Beschäftigte der Automobilindustrie gegen einen "Kahlschlag" in ihrer Branche demonstriert. Die IG Metall erklärte am Montag, an dem von ihr ausgerufenen Aktionstag Autoindustrie beteiligten sich rund 175.000 Beschäftigte. IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärte: "Beschäftigte sind nicht länger bereit, für eine Krise zu zahlen, die sie nicht verschuldet haben."

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Laut Gewerkschaft gab es bundesweit rund 280 Aktionen. Beteiligt waren demnach Beschäftigte aller großen Autohersteller sowie von dutzenden großen und kleineren Zulieferern. Das Motto des Aktionstags lautete "Zukunft statt Kahlschlag".

Wolfgang Schröder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel und ehemaliger Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, betonte die Besonderheit der bundesweiten Gewerkschaftsaktionen. Eine solche Mobilisierung abseits von Tarifgesprächen oder anderen betrieblichen Verhandlungen sei "eher ungewöhnlich". "Es ist schon Ausdruck einer besonderen Sorge um die Zukunft dieser Industrie", sagte er AFP.

IG-Metall-Chefin Benner sagte bei einer Kundgebung im VW-Werk in Wolfsburg: "Unternehmen wie VW, BMW, Audi, Bosch, Mercedes und Porsche standen für tolle Autos und gute Qualität, die in die ganze Welt exportiert wurde." Jahrelang seien die Unternehmen erfolgreich gewesen, mit ihren Beschäftigten. "Jetzt fahren Vorstände die Branche mit Vollgas gegen die Wand und begehen danach Fahrerflucht."

Sie kritisierte: "Die Managements müssen endlich begreifen: Leute rausschmeißen wird die Wirtschaft nicht retten." Das werde die deutsche Autoindustrie nicht wieder an die Spitze bringen. Das werde nur mit Innovationen und mutigen Investitionen in Produkte, Technologie und Standorte gelingen. Das sei die Botschaft, die vom Auto-Aktionstag ausgehe.

Die IG Metall forderte, "die Branche in Deutschland wieder zukunftsfest aufzustellen". Die Unternehmen müssten auf Innovation setzen, in Zukunftsfelder investieren und ihre Strategie an die veränderten Märkte anpassen. Die Gewerkschaft kritisierte zudem die "Angriffe" der Arbeitgeberseite auf Rechte der Beschäftigten wie die 35-Stunden-Woche, Tarifverträge und Mitbestimmung als "in der Sache falsch, nicht zielführend und ungerecht".

Von der Politik verlangte die IG Metall eine aktive Industriepolitik mit gezielter Förderung, wirksamem Handelsschutz und klaren Local-Content-Vorgaben sowie einen niedrigeren Industriestrompreis. Bei den geplanten Reformen der Bundesregierung müssten die Rente nach 45 Jahren für langjährig Versicherte sowie die Altersteilzeit im Blockmodell erhalten bleiben.

Die Gesamtbetriebsratschefin von Volkswagen, Daniela Cavallo, forderte bei einer Rede im Stammwerk in Wolfsburg außerdem die Aktionärinnen und Aktionäre des Unternehmens zum Verzicht auf: In harten Zeiten müssten alle Seiten bereit sein, zu verzichten und zurückzustecken. "Dazu gehört, dass so viel Geld wie möglich im Unternehmen bleibt, um die teure Transformation zu finanzieren."

Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie, Oliver Barta, kritisierte die IG Metall: Die Gewerkschaft überziehe die Autokonzerne mit "im höchsten Maße unsachlichen und polemischen Vorwürfen". Deutschland habe ein "veritables Kostenproblem" und um dies zu ändern, sei "kluges und entschlossenes Handeln von Politik und Sozialpartnern gefragt", erklärte er.

Die Chefin des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, hatte bereits am Wochenende in einem Beitrag für das "Handelsblatt" mehr Veränderungsbereitschaft der Arbeitnehmer gefordert. Die hohen Arbeitskosten und im internationalen Vergleich kürzeren Arbeitszeiten in Deutschland seien bedeutende Wettbewerbsnachteile.

Die deutsche Autoindustrie steckt wegen der Konkurrenz in und aus China, US-Zöllen und niedriger Gewinnmargen bei E-Autos in der Krise. Die IG Metall will in dieser Woche auch ihre Gehaltsforderungen in der Metall- und Elektroindustrie beschließen. Die ersten Bezirke formulieren am Dienstag ihre Forderungen, der zentrale Gewerkschaftsbeschluss soll am Mittwoch gefasst werden.

(V.Varonivska--DTZ)

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