Deutsche Tageszeitung - Werteverlust und Sonderschulquote belasten thurgauische Schulen

Werteverlust und Sonderschulquote belasten thurgauische Schulen


Werteverlust und Sonderschulquote belasten thurgauische Schulen
Werteverlust und Sonderschulquote belasten thurgauische Schulen

Am Freitag, dem 7. August, lud der Kanton Thurgau zur vierten Sommermedienfahrt in die Schule Erlen ein. Wie bereits in den Vorjahren informierten die Hauptverantwortlichen für den Schulbetrieb über das anstehende Schuljahr und standen Medienschaffenden Rede und Antwort. Obwohl rund 33'700 Kinder und Jugendliche am Montag in den Unterricht starteten, dominieren gesellschaftliche Herausforderungen die Debatte. Neben dem allgemeinen Werteverlust sorgt vor allem das starke Wachstum der Sonderschulquote für erheblichen Druck auf das Bildungssystem. Die Verantwortlichen betonen, dass die Schule nicht alle defizitären Entwicklungen der Gesellschaft auffangen könne und Eltern eine zentrale Verantwortung bei der Erziehung tragen.

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Am Freitag, dem 7. August, lud der Kanton Thurgau zur vierten Sommermedienfahrt in die Schule Erlen ein. Dieser Anlass dient traditionell dazu, den Medienvertretern und der Öffentlichkeit einen detaillierten Einblick in die aktuelle Lage des Schulwesens zu gewähren. Anwesend waren Sascha Angehrn, Chef des Amtes für Volksschule, Regierungsrätin Denise Neuweiler, Chefin des Departementes für Erziehung und Kultur, sowie Heinz Leuenberger, Präsident des Verbandes Thurgauer Schulgemeinden. Die drei Amtsträger diskutierten im neuen MakerSpace der Schule Erlen über die Herausforderungen, denen sich das thurgauische Bildungssystem gegenübersieht. Obwohl die aktuellen Hitzewellen in der Öffentlichkeit für viele Diskussionen sorgen, ist das Thema Hitzefrei auf kantonaler Ebene kein aktuelles Anliegen. Heinz Leuenberger erklärte, dass keine Schule verpflichtet sei, klimatisierte Räume anzubieten. Die Gestaltung eines coolen Unterrichts liege in der Eigenverantwortung der einzelnen Schulen. Auch längere Sommerferien seien derzeit noch nicht im Gespräch. Sascha Angehrn äußerte sich dazu skeptisch: Als Amtsleiter sehe er die Situation anders als ein Schüler, der sich Ferien wünsche.

Am Montag starteten im Kanton Thurgau rund 33'700 Kinder und Jugendliche in das neue Schuljahr. Während sich die Lage bei der Besetzung der offenen Stellen für Lehrpersonen deutlich entspannt hat und alle Klassenlehrerstellen besetzt werden konnten, bereiten andere Entwicklungen den Verantwortlichen Sorgen. Vor allem das starke Wachstum der Sonderschulquote und der allgemeine Werteverlust in der Gesellschaft stehen im Fokus der Debatte. In den vergangenen Jahren war es primär der Lehrpersonenmangel, der die Volksschulen vor große Herausforderungen stellte. Diese Front hat sich jedoch beruhigt.

Regierungsrätin Denise Neuweiler wies auf ein zunehmendes Problem hin: Immer mehr Kinder zeigen im Unterricht Verhaltensauffälligkeiten. Sie könnten nicht stillsitzen und kennen keine Grenzen mehr. Im Jahr 2025 verfügten rund 1'280 Kinder und Jugendliche über einen Sonderschulstatus, was einem Anstieg von 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Rund ein Viertel dieser Schülerinnen und Schüler werde integrativ beschult, der Rest in Vertragssonderschulen oder durch spezielle Platzierungen. Das Wachstum der Anzahl Sonderschüler sei nicht linear mit dem aller Schüler verbunden und verursache daher immer höhere Kosten. Es gelte als gesellschaftliche und politische Herausforderung, genügend Plätze zu schaffen. Ziel müsse es sein, Wege zu finden, wie eine Sonderbeschulung vermieden oder zumindest verkürzt werden könne. Eine separative Beschulung dürfe kein One-Way-Street sein; es müsse immer die Möglichkeit bestehen, dass ein Kind in die Regelschule zurückkehrt.

Bei der Frage nach den Gründen für diese Entwicklung kam eine spannende Diskussion über die Rolle der Digitalisierung in Gang. Denise Neuweiler kritisierte, dass digitale Medien häufig dazu verwendet würden, Kinder zu hüten und ruhig zu stellen. Zwar gebe es noch wenig empirische Daten, da die Forschung hier noch nicht weit fortgeschritten sei, doch hätten Kinder heute weniger Möglichkeiten, ihre Selbstwirksamkeit im Spiel mit Gleichaltrigen zu erproben.

Heinz Leuenberger ging einen Schritt weiter und betonte, dass die Situation nicht nur mit der Digitalisierung erklärt werden könne. Es handle sich um ein gesellschaftliches Problem, bei dem der Wertezerfall das Hauptthema sei. Niemand wolle mehr Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Dies fange in den Elternhäusern an, sei aber überall zu spüren. Viele Menschen seien heute belehrungs- und beratungsresistent und kümmerten sich nicht mehr um die in der Gesellschaft gepflegten Sitten.

Sascha Angehrn teilte diese Einschätzung und verwies auf die Komplexität des Themas. Dennoch seien die Eltern in der Pflicht. Das Erziehen von Kindern sei schwieriger geworden, doch heiße es nicht umsonst Department für Erziehung. Denise Neuweiler ergänzte, dass die Schule nicht alles auffangen könne, was vorher unterlassen wurde. Es sei verrückt, welche Hilfssysteme heute in den Klassenzimmern nötig seien. Neben Lehrpersonen seien Klassenassistentinnen, Heilpädagogen und Logopädinnen heute der Normalfall. Sie glaube, dass die Anforderungen an Kinder höher seien und es daher wichtig sei, in frühe Förderung und Prävention zu investieren. Viele Probleme würden jedoch dadurch verursacht, dass wichtige Lektionen im Elternhaus nicht mehr gelehrt würden. Es liege in der Verantwortung der Eltern, ihre Kinder entsprechend auf die Schule vorzubereiten.

(U.Beriyev--DTZ)

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