Deutsche Tageszeitung - Spaniens Regierungschef wegen Korruptionsskandals unter Druck: Neuwahlen abgelehnt

Spaniens Regierungschef wegen Korruptionsskandals unter Druck: Neuwahlen abgelehnt


Spaniens Regierungschef wegen Korruptionsskandals unter Druck: Neuwahlen abgelehnt
Spaniens Regierungschef wegen Korruptionsskandals unter Druck: Neuwahlen abgelehnt / Foto: © AFP

In der schwersten Krise seit seinem Amtsantritt hat der spanische Regierungschef Pedro Sánchez die Forderungen nach seinem Rücktritt zurückgewiesen und stattdessen einen Anti-Korruptions-Plan angekündigt. Sánchez räumte am Mittwoch vor dem Parlament in Madrid zwar ein, dass er wegen der Korruptionsfälle in seiner sozialistischen Partei über einen Rücktritt nachgedacht habe. Er habe aber beschlossen, nicht "das Handtuch zu werfen", sondern "weiterzumachen". Er legte einen 15-Punkte-Plan gegen Korruption vor.

Textgröße ändern:

Sánchez musste vor dem Parlament Rede und Antwort stehen, nachdem vergangene Woche die frühere Nummer Drei seiner Partei, Santos Cerdán, in Untersuchungshaft genommen worden war. Ihm wird vorgeworfen, Bestechungsgelder im Gegenzug für öffentliche Aufträge angenommen zu haben. Auch Ex-Verkehrsminister José Luis Ábalos ist in den Fall verwickelt. Beide waren Vertraute von Sánchez und mitentscheidend für dessen Aufstieg zum Parteichef der Sozialisten und dann ab 2018 zum Regierungschef.

Großen Schaden für die sozialistische Partei PSOE von Sánchez richtete die Veröffentlichung von Aufnahmen an, in denen sich die Beteiligten in dem Skandal über die Verteilung von Bestechungsgeldern und über die Qualitäten von Prostituierten austauschen. Zudem wurde am vergangenen Wochenende einem engen Mitarbeiter von Sánchez "unangemessenes Verhalten" sexueller Art gegenüber mehreren Frauen der Partei vorgeworfen. Und gegen den Bruder und die Ehefrau von Sánchez laufen Ermittlungen wegen Vorteilsgewährung.

Die Opposition habe vorgezogene Neuwahlen und seinen Rücktritt gefordert, sagte Sánchez nun vor den Abgeordneten. Er selbst habe darüber "in den ersten Momenten dieser Krise" nachgedacht, sagte der Regierungschef. Aber nachdem er überlegt und mit vielen Leuten gesprochen habe, habe er beschlossen weiterzumachen.

Im Falle von Neuwahlen könnte die konservative Partei PP zusammen mit der rechtsextremen Partei Vox womöglich die Mehrheit bekommen. Die Sozialisten waren 2018 nach einem großen Korruptionsskandal bei der PP an die Macht gekommen.

Sánchez versucht nun den Befreiungsschlag mithilfe eines 15-Punkte-Plans gegen Korruption, der mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) abgestimmt sei, wie er sagte. Zu den Maßnahmen zählt die Gründung einer "unabhängigen Agentur für öffentliche Integrität" sowie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, um "Hinweise auf Betrug" bei öffentlichen Aufträgen zu entdecken. Auch soll das Vermögen hoher Funktionäre stichprobenartig kontrolliert und Hinweisgeber sollen besser geschützt werden.

Der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo (PP) wies die Erklärungen des Regierungschef als unzureichend zurück und nannte die sozialistische Partei eine "kriminelle Organisation". Er forderte erneut vorgezogene Neuwahlen.

Die Sozialisten von Sánchez haben im Parlament keine eigene Mehrheit. Sie werden unterstützt von Linken sowie von Nationalisten und Unabhängigkeitsbefürwortern aus dem Baskenland und aus Katalonien.

Erst am Wochenende hatten die Sozialisten im Zuge des Skandals ihren Mitgliedern den Besuch von Prostituierten verboten. Die Inanspruchnahme von Sex gegen Bezahlung werde künftig "mit der höchstmöglichen Strafe, das heißt dem Parteiausschluss", geahndet, erklärte die PSOE nach einer Sitzung des Parteirats in Madrid.

Bereits Mitte Juni war Cerdán, Organisationssekretär und Nummer Drei der Sozialisten, der auch bei den Gesprächen mit den Katalanen zur Regierungsbildung eine wichtige Rolle gespielt hatte, von seinen Parteiämtern und als Abgeordneter zurückgetreten. Sánchez hatte sich schon damals dafür entschuldigt, dass er an die Integrität von Cerdán geglaubt habe.

(V.Korablyov--DTZ)

Empfohlen

Eskalation um Polens Verfassungsgericht: Regierungsgegner versuchen auf Gelände vorzudringen

In Polen ist der seit Jahren schwelende Streit um das Verfassungsgericht eskaliert. Anhänger der nationalkonservativen Opposition versuchten am Freitagabend, Absperrungen vor dem Gericht in Warschau zu durchbrechen und auf das Gelände vorzudringen. Bereitschaftspolizisten hielten sie auf, wie ein AFP-Journalist beobachtete. In der Nacht zum Samstag traf Staatspräsident Karol Nawrocki am Gericht ein und betrat das von der Polizei abgeriegelte Gelände, wie sein Kabinettschef Pawel Szefernaker mitteilte.

Kryptowährungsbörse Binance will nach Hackerangriff "alle Verluste" ersetzen

Nach einem massiven Hackerangriff hat die weltgrößte Kryptowährungsbörse Binance angekündigt, Anlegern sämtliche Verluste auszugleichen. Binance habe bereits mehr als 6,3 Milliarden Dollar (umgerechnet 5,6 Milliarden Euro) zurückgestellt, um gestohlene Vermögenswerte abdecken zu können, teilte Co-Unternehmenschef Richard Teng am Freitag im Onlinedienst X mit. Das Unternehmen werde "alle Verluste" ersetzen.

Prozess um Mord an Fabian aus Güstrow: Verteidigung fordert Freispruch

Im Mordprozess um den Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern hat die Verteidigung einen Freispruch für die angeklagte Gina H. gefordert. Es gebe ihrer Ansicht nach keine lückenlose Beweiskette, um der Angeklagten den Mord an dem Kind nachzuweisen, sagte deren Anwälte am Freitag vor dem Landgericht Rostock. Die Anklage stütze sich auf Vermutungen und Spekulationen.

Papst Leo XIV. hat seine Stimme bei den Kongresswahlen in den USA abgegeben

Der in den USA geborene Papst Leo XIV. hat nach Angaben des Vatikans seine Stimme bei den Kongresswahlen in seinem Heimatland per Briefwahl abgegeben. Der Pontifex habe "sein Wahlrecht als US-Bürger wahrgenommen", erklärte der Vatikan am Freitag. "Im Einklang mit dieser langjährigen Praxis bürgerlichen Engagements" habe der Papst "seinen Briefwahlzettel in Chicago eingereicht", hieß es weiter.

Textgröße ändern: