Deutsche Tageszeitung - Žižek sieht Kapitalismus als gemeinsame Wurzel globaler Existenzkrisen

Žižek sieht Kapitalismus als gemeinsame Wurzel globaler Existenzkrisen


Žižek sieht Kapitalismus als gemeinsame Wurzel globaler Existenzkrisen
Žižek sieht Kapitalismus als gemeinsame Wurzel globaler Existenzkrisen

Der Philosoph Slavoj Žižek warnt vor Krieg, unkontrollierter künstlicher Intelligenz und ökologischer Krise. Eindämmung allein reiche aus seiner Sicht nicht aus.

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Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek beschreibt Krieg, die unkontrollierte Entwicklung künstlicher Intelligenz und die ökologische Krise als drei zentrale Gefahren für das Überleben der Menschheit. In einem Gastbeitrag vertritt er die These, dass die öffentliche Debatte diese Risiken zwar anerkenne, sich aber zu stark auf ihre Eindämmung beschränke.

Am Beispiel aktueller Kriege argumentiert Žižek, dass politische Akteure selbst umfangreiche militärische Auseinandersetzungen sprachlich begrenzten. Wladimir Putin bezeichne Russlands Vorgehen in der Ukraine als begrenzte Militäroperation, während Donald Trump seinen Angriff auf den Iran als Exkursion dargestellt habe. Nach Žižeks Darstellung normalisiert diese Wortwahl einen bestehenden Kriegszustand, obwohl Menschen sterben und Infrastruktur zerstört wird.

Das Grundproblem der Abschreckung liege darin, dass keine Seite sicher sein könne, wie die Gegenseite eine angeblich begrenzte Handlung interpretiere. Eine Operation könne als Überschreiten einer roten Linie verstanden werden und eine atomare Reaktion auslösen. Žižek veranschaulicht das mit dem hypothetischen Fall eines Staatschefs, dessen Land unmittelbar vor einem nicht mehr abwendbaren Nuklearangriff steht.

Ein Verzicht auf Vergeltung wäre in diesem Szenario aus seiner Sicht ethisch, weil er den Rest der Zivilisation schonen könnte. Zugleich würde ein Land erpressbar, wenn ein Gegner im Voraus wüsste, dass kein Gegenschlag erfolge. Genau dieses Dilemma zwinge Staaten trotz rationaler Einsicht in die Gefahr zur weiteren Aufrüstung.

Beim zweiten Themenfeld verweist Žižek auf eine Äußerung von OpenAI-Chef Sam Altman vom 25. Juli 2026, wonach künstliche Intelligenz die Singularität erreicht habe. Als Singularität wird ein Punkt bezeichnet, von dem an Menschen die weitere technologische Entwicklung nur noch schwer kontrollieren oder umkehren können. Altman hatte 2025 vorhergesagt, KI könne bis 2030 die menschliche Intelligenz in sämtlichen Bereichen übertreffen.

Žižek stellt dieser optimistischen Perspektive Warnungen des KI-Unternehmens Anthropic gegenüber. Das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude hatte führende Entwickler aufgefordert, die Arbeit an besonders fortschrittlichen Systemen zu unterbrechen. Die Technologie könne sich so schnell entwickeln, dass Menschen die Kontrolle verlieren. Eine weltweite Instanz, die ein Moratorium glaubwürdig durchsetzen könnte, gebe es jedoch nicht.

Das internationale Misstrauen führt nach Žižeks Argumentation dazu, dass Staaten und Unternehmen selbst bei einer öffentlichen Vereinbarung über eine Pause vermuten würden, Konkurrenten arbeiteten heimlich weiter. Daher setzten sie die Entwicklung ebenfalls fort. Ein Teil des Risikos entstehe nicht durch die Technik selbst, sondern durch Wettbewerb und kapitalistische Gewinnorientierung.

Žižek unterscheidet mehrere denkbare Ebenen der Singularität. Die von Altman beschriebene Phase versteht er als Dynamik von KI-Agenten, die sich nicht mehr vollständig kontrollieren lasse. Weitergehende Szenarien wären eine KI, die offen Herrschaft über menschliches Leben ausübt, oder direkte Gehirn-Computer-Verbindungen nach dem Vorbild von Neuralink, mit denen Gedanken gelesen oder beeinflusst werden könnten.

Als dritte Bedrohung nennt der Philosoph die ökologische Krise. Er verweist auf großflächige Brände und auf Aussagen des spanischen Forstingenieurs Victor Resco de Dios, der von einer Ära kaum löschbarer Feuer spricht. Besonders gefährlich seien Pyrocumulonimbus-Wolken, die bei intensiven Bränden entstehen und eigenen Wind, Regen sowie Blitze erzeugen können. Dadurch entwickeln sich unberechenbare, sich selbst verstärkende Feuerstürme.

Resco de Dios hält nach Žižeks Darstellung Brandkomplexe von Hunderttausenden oder sogar einer Million Hektar künftig für möglich. Auch extreme Hitzeperioden in den westlichen USA dienen dem Philosophen als Beispiel. Ein globales CO₂-Moratorium wäre nach seiner Einschätzung ebenso schwer durchsetzbar wie eine weltweite Pause der KI-Entwicklung.

Žižek fordert deshalb Reflexion über die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, aus denen diese Gefahren entstehen. Das bloße Sammeln von Daten reiche nicht. Notwendig sei auch die Prüfung, wie Wahrnehmung und Umgang mit den Daten bereits durch bestehende Interessen geprägt seien.

Zur Illustration greift er auf eine Debatte zwischen dem amerikanischen Philosophen John Dewey und dessen Schüler Sydney Hook über die Sowjetunion zurück. Hook habe befürchtet, Dewey werde die stalinistische Diktatur nach einem Besuch lediglich als nicht authentisch sozialistisch einordnen. Hook habe dagegen angenommen, dass das Potenzial der späteren Gewalt bereits in der ursprünglichen bolschewistischen Konzeption angelegt gewesen sei.

Versuche, die Auswüchse des realen Sozialismus einzuhegen, seien nach Žižeks Darstellung gescheitert. Er nennt das Tauwetter unter Nikita Chruschtschow nach 1956 und den jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus. Als Michail Gorbatschow schließlich auf den Druck zur Rückkehr zur harten Linie verzichtet habe, sei das System zerfallen.

Daraus leitet Žižek seine zentrale These ab: Auch bei Krieg, KI und Klimakrise dürfe sich Politik nicht darauf beschränken, die schlimmsten Folgen einzudämmen. Der Kapitalismus bilde aus seiner Sicht die gemeinsame Wurzel der drei Gefahren. Seine grundlegenden Koordinaten müssten verändert werden, ohne neue Katastrophen nach dem Muster der Roten Khmer in Kambodscha oder des nordkoreanischen Kim-Regimes hervorzubringen. Dass dies innerhalb des gegenwärtigen globalen Systems kaum möglich erscheine, mindere nach seiner Auffassung nicht die Notwendigkeit der Aufgabe.

Žižek ist Wissenschaftler am Institut für Philosophie der Universität Ljubljana und internationaler Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities der Universität London.

(V.Sørensen--DTZ)

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