Deutsche Tageszeitung - Polens Ex-Präsident Walesa ruft zu "Systemwechsel" in Russland auf

Polens Ex-Präsident Walesa ruft zu "Systemwechsel" in Russland auf


Polens Ex-Präsident Walesa ruft zu "Systemwechsel" in Russland auf
Polens Ex-Präsident Walesa ruft zu "Systemwechsel" in Russland auf / Foto: ©

Der ehemalige Gewerkschaftsführer und frühere polnische Präsident Lech Walesa hat zu internationaler Zusammenarbeit aufgerufen, um einen "Systemwechsel" in Russland herbeizuführen. Den inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny bezeichnete Walesa am Mittwoch im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP als einen "Helden". Nawalny verdiene den Friedensnobelpreis, wenn er weiterhin so deutlich Stellung gegen die Führung in Moskau beziehe, sagte Walesa, der für seinen friedlichen Kampf gegen den Kommunismus in Polen 1983 selbst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war.

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"Wir brauchen Helden wie ihn", sagte der 77-jährige Ex-Präsident über Nawalny. "Wir brauchen aber auch eine andere Art der internationalen Solidarität, um einen Systemwandel in Russland zu ermöglichen."

Walesa äußerte sich einen Tag, nachdem ein Gericht in Moskau Nawalny zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt hatte. Die Richter begründeten ihre Entscheidung mit angeblichen Verstößen Nawalnys gegen Bewährungsauflagen. International sorgte die Haftstrafe für Empörung; die EU kritisierte sie als politisch motiviert.

Hätte er die Möglichkeit, den 44-jährigen Kreml-Kritiker zu treffen, würde er ihm raten, sich in seinem Oppositionsverhalten an der antikommunistischen Bewegung der 1980er Jahre in Polen zu orientieren. "Ich hatte das Gefühl, dass man nicht den Menschen die Schuld geben sollte, sondern dass es das System war, das den Anführern ein schlechtes Verhalten ermöglicht hat", sagte Walesa. Dies könne man heute auch in Russland beobachten.

Ziel solle es nicht sein, gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, andere Einzelpersonen oder die Polizei zu kämpfen. "Stattdessen sollten wir für ein neues System kämpfen, das diese Art des Verhaltens ausschließt", betonte Walesa.

Walesa hatte im August 1980 weltweit Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als er als Sprecher der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc den Streik der Werftarbeiter in Gdansk anführte. Der Streik führte zur offiziellen Anerkennung der unabhängigen Solidarnosc-Gewerkschaft in Polen - und dazu, dass Walesa als Freiheitsheld in die Geschichte des Landes einging. 1990 wurde er zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Polens nach dem Zweiten Weltkrieg.

In dem AFP-Interview äußerte sich Walesa auch zur aktuellen politischen Situation in Polen. Kritisch äußerte er sich über das kürzlich in Kraft getretene, nahezu vollständige Abtreibungsverbot. Die Frauen und Männer, die dagegen zu Tausenden auf die Straßen gingen, hätten recht, sagte er. "Ich unterstütze sie aus vollem Herzen."

(V.Sørensen--DTZ)

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