Deutsche Tageszeitung - Netanjahu in politischer Patt-Situation erneut mit Regierungsbildung beauftragt

Netanjahu in politischer Patt-Situation erneut mit Regierungsbildung beauftragt


Netanjahu in politischer Patt-Situation erneut mit Regierungsbildung beauftragt
Netanjahu in politischer Patt-Situation erneut mit Regierungsbildung beauftragt / Foto: ©

Zwei Wochen nach der Parlamentswahl hat Israels rechtskonservativer Regierungschef Benjamin Netanjahu in einer politischen Patt-Situation erneut den Auftrag zur Regierungsbildung bekommen. Staatspräsident Reuven Rivlin verkündete seine Entscheidung in einer Fernsehansprache am Dienstag. Netanjahu, der sich derzeit vor Gericht wegen Korruption verantworten muss, hat nun mindestens 28 Tage Zeit, eine Koalition zu schmieden.

Textgröße ändern:

Nach der vierten Parlamentswahl innerhalb von zwei Jahren äußerte sich Präsident Rivlin wenig optimistisch zu den Chancen eines Durchbruchs in der Regierungsbildung. Er habe Netanjahu "basierend auf der Zahl der Empfehlungen" von Abgeordneten ausgewählt. Demnach habe dieser eine "leicht höhere Chance" auf Erfolg. Die Gespräche hätten jedoch auch gezeigt, dass "kein Kandidat eine realistische Chance" auf eine absolute Mehrheit im Parlament habe.

Netanjahus Likud-Partei war bei der Wahl am 23. März mit 30 von 120 Parlamentssitzen stärkste Kraft geworden. Weder das rechtsgerichtete Netanjahu-Lager noch seine Gegner konnten jedoch bisher eine Mehrheit für eine Regierungskoalition erreichen.

Traditionell überträgt Israels Präsident jenem Spitzenkandidaten die Regierungsbildung, der den meisten Zuspruch von Abgeordneten bekommt. Die meisten Empfehlungen von Parlamentariern erhielt am Montag Netanjahu mit 52 Stimmen. Neben seiner eigenen Partei stimmten Abgeordnete von zwei ultraorthodoxen jüdischen Parteien sowie der extremistischen Partei Religiöser Zionismus für den 71-Jährigen. 45 Empfehlungen entfielen auf den Liberalen Jair Lapid von der Partei Jesch Atid.

Gelingt Netanjahu keine Regierungsbildung, droht Israel die fünfte Neuwahl in Folge. Der Präsident kann die Frist für die Verhandlungen zur Regierungsbildung einmal um 14 Tage verlängern.

Rivlin nannte die Nominierung angesichts der laufenden Korruptionsverfahren gegen den Regierungschef "aus moralischer und ethischer Sicht keine einfache Entscheidung". Er sei sich der Vorbehalte vieler Israelis bewusst, die Aufgabe einem Kandidaten zu übertragen, gegen den ein Strafverfahren laufe. Die Rechtslage und entsprechende Gerichtsentscheide würden es einem Ministerpräsidenten aber erlauben, sein Amt auch in diesem Fall weiter auszuüben.

Netanjahus Herausforderer Lapid akzeptierte die Entscheidung: Der Präsident habe "keine Wahl gehabt" und "seine Pflicht getan". Dennoch sei die Übertragung der Regierungsbildung an Netanjahu "eine Schande". Netanjahu ist als erster amtierender Ministerpräsident des Landes angeklagt; ihm werden Bestechlichkeit, Betrugs und Untreue vorgeworfen.

Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft Netanjahu vor Gericht Machtmissbrauch vorgewofen. Die leitende Staatsanwältin Liat Ben-Ari sprach in ihrem Eröffnungsplädoyer von einem "ernsten Fall von Korruption durch die Regierung". Der seit zwölf Jahren amtierende Ministerpräsident habe die ihm anvertraute Regierungsmacht unter anderem dazu genutzt, Eigentümer großer Medien zu beeinflussen, auch mit Blick auf seine Wiederwahl.

Netanjahu wird unter anderem beschuldigt, einer Telekommunikationsfirma Gefälligkeiten im Gegenzug für eine positive Berichterstattung gewährt zu haben. Weitere Vorwürfe beziehen sich auf Luxusgeschenke im Gegenzug für finanzielle und persönliche Vorteile. Er selbst weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet sich als Opfer einer politischen "Hexenjagd".

Um die fehlenden Sitze für eine Mehrheit von 61 Stimmen in der Knesset zu erhalten, ist Netanjahu voraussichtlich auf die Unterstützung seines einstigen Verbündeten und Ex-Verteidigungsministers Naftali Bennett angewiesen. Dessen religiös-nationalistische Partei Jamina hält sieben Sitze in der Knesset. Vor Gericht hatte erst am Montag ein Zeuge ausgesagt, Bennett sei ein Hauptziel einer medialen Schmutz-Kampagne Netanjahus gewesen.

Außerdem könnte der Regierungschef die Unterstützung der konservativen islamischen Raam-Partei brauchen. Deren Anführer Mansur Abbas hatte sich für Gespräche offen gezeigt, wenn die künftige Regierung die Lebensbedingungen der arabischen Israelis verbessere, die etwa 20 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen. Die Partei Religiöser Zionismus hat eine Zusammenarbeit mit Raam jedoch bereits ausgeschlossen.

(P.Tomczyk--DTZ)

Empfohlen

Kolumbien: Neuer Präsident kündigt "unermüdlichen" Kampf gegen Drogengewalt an

Der rechte Hardliner Abelardo de la Espriella hat unmittelbar nach seiner Vereidigung als neuer Präsident Kolumbiens einen "unermüdlichen" Kampf gegen Drogengewalt angekündigt. Der Verbündete von US-Präsident Donald Trump sagte am Freitag in Cali, er werde wieder "Ordnung" in das südamerikanische Land bringen. Der 48-jährige Politik-Neuling trat die Nachfolge des linken Präsidenten Gustavo Petro an.

Trump spricht nach Ballsaal-Urteil von "nationaler Schande"

US-Präsident Donald Trump hat empört auf die Entscheidung eines Bundesberufungsgerichtes reagiert, wonach die Arbeiten an seinem umstrittenen Ballsaal-Projekt vorerst nicht weitergehen dürfen. Die Justizentscheidung sei eine "nationale Schande", erklärte er am Freitag. Außerdem werde dadurch die nationale Sicherheit bedroht, setzte er offensichtlich mit Blick auf einen unterirdischen Militärbunker sowie weitere Sicherheitsvorkehrungen im geplanten Erweiterungsbau des Weißen Hauses hinzu. Zuvor hatte der Präsident bereits angekündigt, in Berufung zu gehen.

Frei: Über Beteiligung an AfD-Regierung entscheidet nicht CDU in Sachsen-Anhalt

Die Entscheidung über die mögliche Beteiligung an einer AfD-Regierung nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt Unionsfraktionschef Thorsten Frei (CDU) zufolge nicht bei der CDU vor Ort. "Das Kooperationsverbot mit der AfD ist ein Grundsatzbeschluss in der CDU", sagte Frei den Funke-Zeitungen vom Samstag. "Es kann nicht je nach Bundesland anders beantwortet werden."

US-Senat stimmt für umfassendes Sanktionspaket gegen Russland

Der US-Senat hat am Freitag mit großer Mehrheit für verschärfte Sanktionen gegen Russland gestimmt. Das Paket enthält Strafmaßnahmen gegen Präsident Wladimir Putin sowie eine Reihe russischer Beamter, Oligarchen und Banken. Außerdem wird von Washington erstmals die sogenannte Schattenflotte ins Visier genommen, mit deren Schiffen Moskau bereits bestehende internationale Sanktionen umgeht.

Textgröße ändern: