Deutsche Tageszeitung - Klausur in Würzburg: Koalition geht mit Harmonie und klarem Fahrplan in den Herbst

Klausur in Würzburg: Koalition geht mit Harmonie und klarem Fahrplan in den Herbst


Klausur in Würzburg: Koalition geht mit Harmonie und klarem Fahrplan in den Herbst
Klausur in Würzburg: Koalition geht mit Harmonie und klarem Fahrplan in den Herbst / Foto: © AFP

Mit demonstrativer Geschlossenheit und einem Fahrplan für die Gesetzgebung im Herbst wollen die Fraktionsspitzen von Union und SPD für mehr Harmonie in der Koalition sorgen. Die zweitägige Klausurtagung in Würzburg habe "gezeigt, dass ein Vertrauen entstanden ist", sagte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch am Freitag nach Abschluss der Gespräche. "Dieses Vertrauen muss weiter wachsen, das geht nur durch gemeinsames Handeln." Dafür wurde eine Liste der wichtigsten Gesetzesvorhaben für die zweite Jahreshälfte beschlossen.

Textgröße ändern:

Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) sprach von einem "sehr guten, offenen, aber auch kritisch aufarbeitenden Austausch" in Würzburg. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann resümierte, bei der Klausur habe sich eine "große Menge an Gemeinsamkeiten" gezeigt. "Wir wollen mit dieser großen Schnittmenge unser Land in den nächsten vier Jahren voranbringen."

Bei den zweitägigen Beratungen in Würzburg ging es darum, die politischen Schwerpunkte der Bundesregierung für die kommenden Monate festzulegen. Zudem sprachen die Regierungspartner darüber, wie die Zusammenarbeit in der Koalition und die Kommunikation nach außen verbessert werden können. Zuletzt waren in verschiedenen Politikfeldern Meinungsverschiedenheiten in der Koalition offen ausgetragen worden, ganz besonders scharf nach der gescheiterten Wahl von Verfassungsrichtern.

In ihrem gemeinsam verabschiedeten Beschlusspapier nannten Union und SPD nun einige Gesetzgebungsschwerpunkte, die "in den kommenden Monaten" prioritär umgesetzt werden sollten. "Wir werden ehrlich zu uns selbst sein und die vereinbarten Reformen auf den Weg bringen", heißt es in dem Papier.

In der Sozialpolitik will die Koalition eine Reihe von Großprojekten anpacken: die Umgestaltung des Bürgergelds in eine neue Grundsicherung sowie das Rentenpaket mit einer Festschreibung des Rentenniveaus bei 48 Prozent, der Ausweitung der Mütterrente und der Einführung einer "Frühstartrente".

Zudem sollen in den kommenden Monaten Anreize zur Arbeit verbessert werden - etwa durch die Steuerbefreiung von Überstundenzuschlägen und die Möglichkeit, nach Erreichen des Rentenalters steuerbegünstigt weiterzuarbeiten. Zur Entlastung der Bürger sollen prioritär wohnungspolitische Maßnahmen wie eine Novelle des Baugesetzbuchs und des Mietrechts umgesetzt werde.

Des weiteren soll das Deutschlandticket über 2025 hinaus mit einem festen Finanzierungsschlüssel für Kunden, Bund und Länder fortgesetzt werden. Auch die Erhöhung der Pendlerpauschale und die Senkung der Umsatzsteuer für die Gastronomie soll prioritär umgesetzt werden.

Mit diesem Paket wolle die Koalition Deutschland "gemeinsam voranbringen", sagte Spahn. Sein SPD-Kollege Miersch sagte, mit diesem Paket sei die Koalition "auf dem richtigen Kurs". Die Koalition habe nun einen "Fahrplan festgelegt" und sage konkret, "welche Gesetze die nächsten Wochen und Monate beschlossen werden sollen". Die Beschlüsse sollten nun in die Bundestagsfraktionen von SPD und Union hineingetragen werden, "damit dieser Geist von Würzburg die Koalition in Gänze erfasst", sagte Miersch.

Die drei Fraktionsspitzen betonten in Würzburg mehrfach die Atmosphäre und das gewachsene Vertrauen der Regierungspartner. Spahn sagte, er "bedaure" den Vorgang um die gescheiterte Richterwahl vor der Sommerpause. "Probleme gehen nicht weg, wenn man nicht drüber redet", sagte er. "Das klappt daheim nicht, das klappt in der Politik nicht."

Hoffmann von der Schwesterpartei CSU sagte mit Blick auf die Zusammenarbeit in der Koalition, es seien zwar noch Wolken am Himmel - "aber es sind helle Wolken". Demokratie sei immer das Ringen um Lösungen, und "nicht jedes Ringen um die beste Lösung ist eine Regierungskrise", sagte er.

Auch beim Koalitionspartner SPD scheint sich die Unzufriedenheit mit der Union in Teilen gelegt zu haben. Miersch betonte die "Empathie" untereinander in strittigen Fragen. Klausursitzungen der Fraktionsvorstände seien nun vierteljährlich in Berlin geplant, um regelmäßig im persönlichen Austausch zu bleiben, sagte Miersch. Nächstes Jahr solle eine derartige Tagung in seiner Heimatstadt Hannover stattfinden.

(W.Uljanov--DTZ)

Empfohlen

Vergesellschaftungen: Dobrindt kündigt Investitionsschutzgesetz an

Mit einem neuen Investitionsschutzgesetz will Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Voraussetzungen für Vergesellschaftungen genau regeln und damit erschweren. Mit dem Gesetz werde die Bundesregierung deutlich machen, "dass willkürlicher linker Vergesellschaftungs-Fetisch mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist", sagte Dobrindt der "Bild"-Zeitung laut Mitteilung vom Sonntag.

Präsidentschaftswahl in Bulgarien begonnen

Die Präsidentschaftswahl in Bulgarien hat begonnen. Die Wahllokale in dem osteuropäischen Land öffneten am Sonntag um 7.00 Uhr (Ortszeit, 6.00 Uhr MEZ) und bleiben bis 20.00 Uhr geöffnet. Der Urnengang ist überschattet von Sicherheitsbedenken nach einer Reihe von Drohnenangriffen auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer.

Fast 1000 Festnahmen bei neuen landesweiten Protesten in Frankreich

Die Proteste in Frankreich gegen hohe Lebenshaltungskostensind trotz Auflagen auch eine Woche nach massiven Gewaltausbrüchen am Rande von Demonstrationen nicht abgerissen. Das Innenministerium sprach am Samstagabend von landesweit 410.000 Teilnehmern, die Gewerkschaft CGT von fast 800.000 Teilnehmern. Laut Innenminister Laurent Nuñezkam es dabei erneut zu Ausschreitungen und Festnahmen. Derweil läutete die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen in der Stadt Orléans ihren Wahlkampf ein.

Israels Armee: Übergänge zum Westjordanland werden am Wahltag geschlossen

Nach dem tödlichen Angriff bewaffneter Palästinenser auf zwei israelische Soldaten im Westjordanland will Israels Regierung das Palästinensergebiet am Wahltag abriegeln. Während des gesamten Wahltages am 27. Oktober würden "sämtliche Landübergänge zum Westjordanland geschlossen", teilte Israels Armee am Sonntag im Onlinedienst Telegram mit. Die politische Führung habe zudem ein Verbot für Ein- und Ausreisen palästinensischer Arbeiter im Westjordanland und im Jordantal einschließlich der Industriezonen genehmigt.

Textgröße ändern: