Deutsche Tageszeitung - "Nie wieder still": Hunderttausende bei CSD-Demonstration in Berlin

"Nie wieder still": Hunderttausende bei CSD-Demonstration in Berlin


"Nie wieder still": Hunderttausende bei CSD-Demonstration in Berlin
"Nie wieder still": Hunderttausende bei CSD-Demonstration in Berlin / Foto: © AFP

Unter dem Motto "Nie wieder still" haben hunderttausende Menschen in Berlin am Samstag den Christopher Street Day (CSD) gefeiert und für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transsexuellen und Transgender sowie Inter- und Bisexuellen demonstriert. Bis zum Nachmittag gab es laut Polizei keine besonderen Vorkommnisse. Mehrere Teilnehmer einer kleinen, rechtsextremen Gegenkundgebung wurden unter anderem wegen Waffenbesitzes festgenommen.

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Der Zug mit rund 80 Wagen und mehr als 100 Gruppen zog ab Mittag von der Leipziger Straße über den Potsdamer Platz nach Schöneberg und dann zur Siegessäule bis zum Brandenburger Tor.

Die Veranstalter teilten am späten Nachmittag mit, mehrere hunderttausend Menschen hätten am Berliner CSD teilgenommen. "Die Demonstration war so groß wie lange nicht mehr", erklärten sie. Die gesellschaftliche und politische Situation habe die queere Community und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer im besonderen Maße mobilisiert.

Bei der Eröffnung der Veranstaltung sprach unter anderen die Vizepräsidentin des Bundestages, Josephine Ortleb (SPD). Sie sagte AFP, das sei ihr eine große Ehre - "gerade in der heutigen Zeit können wir einfach nicht neutral sein, wenn es darum geht, Menschenrechte zu verteidigen". Die queere Community komme immer stärker unter Druck, auch in Deutschland.

Thomas Hoffmann aus dem Vorstand des Vereins CSD Berlin sagte AFP, gerade jetzt sei es wichtig, "wieder kraftvoll auf die Straße zu gehen und ein Zeichen für Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung zu setzen". Erstmals in der Geschichte der queeren Rechte "kämpfen wir nicht für neue Rechte, sondern dafür, bestehende Rechte zu verteidigen".

Die Veranstalter hatten im Vorfeld auf eine ernste und angespannte Lage verwiesen. Nach Angaben der Behörden steigen queerfeindliche Straftaten seit Jahren an. Laut einem Lagebericht des Bundeskriminalamts und des Bundesinnenministeriums von Ende 2024 hat sich die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" seit 2010 nahezu verzehnfacht. Das liegt demnach auch an der zunehmenden Sichtbarkeit und Anzeigebereitschaft - zugleich wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.

Die Kundgebung erinnert an den 28. Juni 1969, als die Polizei die Schwulenbar "Stonewall Inn" in der New Yorker Christopher Street stürmte, worauf tagelange Zusammenstöße zwischen Aktivisten und Sicherheitskräften folgten. Der Aufstand gilt als Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung.

Anders als in den Vorjahren wehte keine Regenbogenfahne auf dem Deutschen Bundestag; Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hatte entschieden, die Fahne nicht zu hissen. Bundestags-Vizepräsidentin Ortleb sagte AFP dazu: "Die Regenbogenfahne steht für mich für Solidarität, Akzeptanz, aber auch Menschenrechte für alle. Und das sind für mich auch die Werte, für die der Deutsche Bundestag steht."

Aus Protest gegen Klöckners Entscheidung breiteten Aktivisten am späten Freitagnachmittag eine 400 Quadratmeter große Flagge auf dem Rasen vor dem Bundestag aus. Bundesratspräsidentin Anke Rehlinger (SPD) entschied dagegen, die Regenbogenflagge am Gebäude der Ländervertretung an der Leipziger Straße zu hissen.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ließ die Regenbogenfahne hissen. "Wir leben in Zeiten, in denen wir leider Gottes wieder verstärkt Hasskriminalität erleben. Schwule, Lesben, Transpersonen werden angegriffen, verbal, aber auch durch Gewalt", sagte er Welt TV. Das dürften "wir nicht dulden". Ein klares Bekenntnis, ein klares Zeichen zu setzen, auch von der Politik, "das ist wichtig".

An der rechtsextremen Kundgebung gegen den CSD nahmen laut AFP-Reportern nur rund zwei Dutzend Menschen teil. Die Anmelderin der Kundgebung wurde festgenommen, wie eine Polizeisprecherin sagte. Die Frau und weitere fünf Menschen seien in der Messer- und Verbotszone am Alexanderplatz überprüft worden. Gegen sie seien Verfahren wegen Beleidigung, Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz eingeleitet worden. Am Versammlungsplatz der Kundgebung sei ein weiterer Teilnehmer wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz festgenommen worden. Die Polizei war zum CSD in der Hauptstadt mit 1300 Kräften im Einsatz.

(V.Varonivska--DTZ)

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