Deutsche Tageszeitung - KI-Aufholjagd: Europa macht bei industriellen Anwendungen Boden gut

KI-Aufholjagd: Europa macht bei industriellen Anwendungen Boden gut


KI-Aufholjagd: Europa macht bei industriellen Anwendungen Boden gut
KI-Aufholjagd: Europa macht bei industriellen Anwendungen Boden gut / Foto: © AFP/Archiv

Bei Künstlicher Intelligenz (KI) droht Europa bei großen Sprachmodellen wie ChatGPT und Co. den Anschluss zu verlieren – bei industrieller KI gibt es laut einer Studie jedoch eine Aufholjagd: Die Investitionen in KI-Anwendungen, die in der Realwirtschaft zum Einsatz kommen, nähern sich dem US-Niveau, wie das Beratungsunternehmen McKinsey und das Software-Branchennetzwerk Boardwave am Donnerstag mitteilten. Laut Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) haben Deutschland und Europa das Potenzial, "zur führenden Kraft der industriellen KI zu werden".

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Laut der Studie steht das europäische Tech-Ökosystem "an der Schwelle zu einer neuen Stufe der KI-Reife". Denn mit der zunehmenden Verbreitung von KI neige sich "die Ära der Einheitssoftware dem Ende zu". Die größeren wirtschaftlichen Chancen könnten folglich "in der Transformation komplexer, alltäglicher Geschäftsprozesse" liegen – und damit einem Bereich, in dem sich europäische Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten "besonders bewährt" hätten.

Zuletzt zeigte sich demnach bereits ein steigendes Interesse von Investoren: Im ersten Halbjahr seien in Europa die KI-Investitionen auf der Anwendungsebene auf 6,8 Milliarden Dollar gestiegen, heißt es in der Studie. Damit erreichten sie 44 Prozent des US-Niveaus in diesem Bereich – vier Mal so viel wie 2018, als es noch elf Prozent gewesen waren.

Noch deutlicher zeigt sich dieser Aufholtrend demnach bei Investitionen in Startups, die industriespezifische KI-Anwendungen entwickeln, die statt auf allgemeine Breite vielmehr auf fachliche Tiefe in einem bestimmten Bereich setzen. Für diese sogenannten vertikalen KI-Anwendungen beliefen sich die Investitionen in Europa im ersten Halbjahr auf 68 Millionen Euro - gut zwei Drittel (67 Prozent) des US-Niveaus. 2018 hatte hier noch eine deutlich größere Lücke geklafft: Damals warben europäische Startups nur neun Prozent dessen ein, was ihre US-Wettbewerber erhielten.

"Bei Künstlicher Intelligenz liegt Europas größte Chance in ihrem Einsatz in industriellen Umgebungen", erklärte Ruben Schaubroeck von McKinsey. "Hier haben die europäischen Unternehmen ihre größten Stärken: tiefes Branchenwissen, Agieren in anspruchsvollen Märkten und exzellente Forschung", erläuterte er. Die Investitionsdaten zeigten, "dass der Markt diese Chance zunehmend erkennt".

Das Beratungsunternehmen hob hervor, dass Europa laut der Auswertung zwar bei Basismodellen und der kapitalintensiven Plattform- und Infrastrukturebene weiter "deutlich" hinter den USA zurückbleibe. Auf der Anwendungsebene aber, wo KI in konkreten Geschäftsprozessen und Branchen zum Einsatz komme, "werben europäische Unternehmen zunehmend auf Augenhöhe Kapital ein".

Und genau hierhin - also auf die Anwendungsebene - könnte demnach künftig verstärkt auch die Wertschöpfung wandern: Dies zeige der Blick auf frühere Zyklen, erklärte McKinsey. "Im Internet- und Cloud-Ökosystem entfielen am Ende rund 70 Prozent des Werts auf Anwendungen, im Mobilfunk sogar 85 Prozent."

Das Bundeswirtschaftsministerium teilte unterdessen mit, dass ein europäisches Großprojekt zum Aufbau eines europäischen KI-Ökosystems für die Industrie "in den Startlöchern" stehe. Vertreter von 19 Mitgliedsstaaten unterzeichneten demnach ein Manifest für ein sogenanntes IPCEI – also ein wichtiges Projekt im gemeinsamen europäischen Interesse (Important Project of Common European Interest)

Damit werden strategische Förderprojekte bezeichnet, mit denen komplexe und kostspielige Entwicklungsvorhaben auf den Weg gebracht werden sollen, die ansonsten nicht realisiert werden könnten; Ziel sind zudem positive "Spill-over"-Effekte, also eine Ausstrahlung auf den gesamten Binnenmarkt.

Dem Wirtschaftsministerium zufolge wird europaweit ein Gesamtinvestitionsvolumen von mehr als zehn Milliarden Euro erwartet. Der Projektstart werde "im Frühjahr 2027" angestrebt.

"Unser eigentlicher strategischer Vorteil liegt nicht in Konsumdaten, sondern in der Tiefe und Präzision unserer Produktions-, Maschinen- und Prozessdaten", hob Wirtschaftsministerin Reiche hervor. "Sie bilden die Grundlage für robuste, industrietaugliche KI-Systeme, wie sie kein anderer Wirtschaftsraum in vergleichbarer Qualität besitzt." Diesen strukturellen Vorsprung gelte es nun "in eigene Technologien, marktfähige Anwendungen und tragfähige Geschäftsmodelle" zu überführen.

(Y.Leyard--DTZ)

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