Deutsche Tageszeitung - Polizeieinsatz in Rio mit 64 Toten sorgt internationale für bestürzte Reaktionen

Polizeieinsatz in Rio mit 64 Toten sorgt internationale für bestürzte Reaktionen


Polizeieinsatz in Rio mit 64 Toten sorgt internationale für bestürzte Reaktionen
Polizeieinsatz in Rio mit 64 Toten sorgt internationale für bestürzte Reaktionen / Foto: © AFP

Die Razzia der Polizei in Brasilien gegen Drogenhändler in Rio de Janeiro, bei der mindestens 64 Menschen getötet wurden, hat in der Bevölkerung Angst und Schrecken und international bestürzte Reaktionen ausgelöst. 30 Organisationen der Zivilgesellschaft, darunter Amnesty International, verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung den Polizeieinsatz, der "das Scheitern" der brasilianischen Sicherheitspolitik offenlege. Die Regierung in Brasília setzte für Mittwoch eine "Krisensitzung" an.

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Der Einsatz richtete sich gegen die größte Drogenbande in Rio, Comando Vermelho. Nach Angaben des Gouverneurs Cláudio Castro war die Razzia der bisher größte Polizeieinsatz in der Geschichte des Bundesstaats. "60 Kriminelle" seien "neutralisiert" worden, sagte er. Auch vier Polizisten wurden getötet. Zudem seien mehr als 80 Verdächtige festgenommen und hundert Schusswaffen sowie eine große Menge Drogen beschlagnahmt worden.

Bei dem Einsatz spielten sich kriegsähnliche Szenen ab. Rund 2500 Beamte in Kampfmontur, 32 gepanzerte Fahrzeuge, zwölf Räumfahrzeuge, Drohnen und zwei Hubschrauber waren in zwei Armenvierteln im Einsatz. Die Polizei konzentrierte sich auf die Favelas Penha und Alemao im Norden der Stadt in der Nähe des internationalen Flughafens von Rio.

Online verbreitete Videos zeigten Rauchwolken über der Stadt, Schüsse waren zu hören. Vor dem Krankenhaus Getulio Vargas wurden ununterbrochen Tote und Verletzte mit Schusswunden eingeliefert, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP beobachtete. Unter den Opfern waren Polizisten, mutmaßliche Bandenmitglieder und unbeteiligte Anwohner.

Gouverneur Castro veröffentlichte ein Video, das eine von Gangmitgliedern gesteuerte Drohne zeigen soll, die ein Geschoss über der Stadt abwirft. "So wird die Polizei von Rio von den Kriminellen behandelt: mit von Drohnen abgeworfenen Bomben", schrieb der Gouverneur dazu. Es handele sich nicht um "normales Verbrechen, sondern um Narko-Terrorismus".

In Vila Cruzeiro, einem Viertel von Penha, bewachten schwer bewaffnete Polizisten rund 20 junge festgenommene Männer. Sie saßen dicht gedrängt auf dem Boden, mit nackten Füßen und Oberkörpern.

"Es war das erste Mal, dass wir gesehen haben, wie Drohnen (von Kriminellen) Bomben im Viertel abwerfen", sagte eine Bewohnerin von Penha, der ihren Namen nicht nennen wollte.

"Alle sind in Panik, weil es so viele Schüsse gibt", sagte eine Leiterin von Sozialprojekten, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollte. Sie stand per Handy in Kontakt zu Bewohnern von Penha.

Mindestens 85 Bildungseinrichtungen blieben vorerst geschlossen. Auch der öffentliche Nahverkehr war beeinträchtigt, weil sich die Bandenmitglieder während der Razzia hinter Dutzenden Bussen verbarrikadiert hatten.

Mehrere Minister der brasilianischen Zentralregierung berieten in der Hauptstadt Brasília über die Lage. Sie beschlossen, eine Delegation nach Rio de Janeiro zu schicken, um dort am Mittwoch eine "Krisensitzung" abzuhalten.

Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch in Brasilien sprach von einer "enormen Tragödie" und forderte zu "jedem Toten" die Einleitung von Ermittlungen.

Das UN-Menschenrechtsbüro zeigte sich "entsetzt" über die Gewalt am Dienstag. Es verwies auf die Verpflichtungen der Behörden gemäß den internationalen Menschenrechtsgesetzen und forderte eine "rasche und wirksame Untersuchung".

Auch der Menschenrechtsausschuss des Parlaments von Rio kritisierte den Polizeieinsatz. Die Favelas der Stadt seien "erneut zum Schauplatz von Krieg und Barbarei" gemacht worden, sagte die Ausschussvorsitzende Dani Monteiro der Nachrichtenagentur AFP.

Der bislang folgenschwerste Polizeieinsatz in der Stadt mit sechs Millionen Einwohnern hatte während der Corona-Pandemie im Jahr 2021 stattgefunden. Damals wurden an einem Tag 28 Menschen in einer Favela getötet.

Die Polizei geht in den als Favelas bekannten, dicht besiedelten Armenvierteln von Rio immer wieder mit großer Härte gegen kriminelle Banden vor. Im vergangenen Jahr starben bei Polizeieinsätzen in der Stadt rund 700 Menschen, das entspricht durchschnittlich knapp zwei Todesopfern pro Tag.

(V.Sørensen--DTZ)

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