Deutsche Tageszeitung - Wadephul dringt auf EU-Reformen: Mehrheitsprinzip und stufenweiser Beitrittsprozess

Wadephul dringt auf EU-Reformen: Mehrheitsprinzip und stufenweiser Beitrittsprozess


Wadephul dringt auf EU-Reformen: Mehrheitsprinzip und stufenweiser Beitrittsprozess
Wadephul dringt auf EU-Reformen: Mehrheitsprinzip und stufenweiser Beitrittsprozess / Foto: © AFP

Um die EU zu stärken und Entscheidungsprozesse effizienter zu gestalten, dringt Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) auf Reformen der Union. In einer europapolitischen Rede nannte er am Mittwoch in Berlin als wichtige Punkte die Anwendung des Mehrheitsprinzips auch in der Außen- und Sicherheitspolitik. Damit es bei der EU-Erweiterung vorangeht, brachte er eine stufenweise Aufnahme neuer Mitglieder ins Gespräch.

Textgröße ändern:

"Die EU muss sich verändern und zwar grundlegend", betonte Wadephul. Der "wichtigste Hebel" für mehr Effizienz sei "eine schnellere Entscheidungsfindung durch eine qualifizierte Mehrheit", sagte er in der Rede bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Als weiteres Instrument nannte er ein Voranschreiten einiger EU-Staaten, auch "wenn vielleicht nicht alle 27 Mitgliedstaaten zu hundert Prozent einig sind".

Derzeit gilt in der EU-Außen- und Sicherheitspolitik der Grundsatz, dass alle Mitgliedstaaten einer Entscheidung zustimmen müssen. "Bei Fragen der Sicherheit kann uns das Einstimmigkeitsprinzip in eine existentielle Gefahr bringen", warnte jedoch Wadephul. Ohne Ungarn namentlich zu nennen, verwies er auf das Ringen um die Freigabe von Geldern für die Ukraine: "Es reicht die Abweichung weniger oder sogar Einzelner, um das Handeln aller zu blockieren."

Er betonte, das Ziel müsse weiterhin ein Konsens aller 27 EU-Staaten bleiben. Es dürfe aber nicht nur um "den kleinsten gemeinsamen Nenner" gehen, sondern um "den Mut, den Anfang zu machen." Sein Vorschlag bedeute: "Staaten, die nicht wollen – oder vielleicht auch nicht können - bleiben erst einmal außen vor, behindern aber nicht diejenigen, die vorangehen wollen." Der Minister wies darauf hin, dass die EU-Verträge solche Möglichkeiten bereits vorsehen, etwa das Instrument der ständigen strukturierten Zusammenarbeit.

Zur seit Jahren auf Eis liegenden EU-Erweiterung sagte Wadephul, denkbar sei "eine verstärkte graduelle Integration, über Vorstufen hin zum Vollbeitritt". Die Aufnahme neuer Mitglieder ließe sich "als stufenweiser Prozess gestalten". Konkret nannte er die Staaten des westlichen Balkans. EU-Beitrittskandidaten sind zudem die Ukraine und Moldau. "Und dass eine Erweiterung um Island und Norwegen auch mehr als willkommen wäre, ist evident", fügte der Außenminister hinzu.

Außerdem schlug er vor, Beitrittsverträge könnten zukünftig "Klauseln zur Konditionierung von Mitteln enthalten", um künftigen Problemen vorzubeugen. Bisher sehen die EU-Verträge zwar strenge Regeln für die Aufnahme neuer Mitglieder vor, ist diese erfolgt, sind die Instrumente bei Verstößen gegen EU-Grundregeln jedoch begrenzt. "EU-Mittel dürfen nicht an diejenigen gehen, die gegen unsere gemeinsamen Werte verstoßen", sagte dazu Wadephul.

Einhergehen müsse der Erweiterungsprozess auch mit Reformen der EU selbst, betonte Wadephul zudem. "Wir wollen eine erweiterte EU. Sie muss aber auch erweitert funktionieren", hob er hervor. Daher sei wichtig, "dass Institutionen arbeitsfähig bleiben, auch wenn die Union größer wird". Dabei gehe es beispielsweise um die Zahl der EU-Kommissare, aber auch die Größe des Europäischen Parlaments.

Wadephul verwies in seiner Rede auf die großen Herausforderungen, vor denen die europäischen Staaten stünden. Er nannte die wachsende wirtschaftliche Dominanz Chinas, Russlands Krieg gegen die Ukraine, aber auch die Entwicklungen in den USA sowie deren Krieg gegen den Iran und dessen wirtschaftliche Folgen.

"Wir können, wir müssen diesen Wandel als Europäer gestalten", betonte der Außenminister. Dafür sei aber eine Bündelung der Kräfte notwendig, politisch wie ökonomisch. "Nur das Gewicht, das die Europäer gemeinsam, als Union, einbringen, versetzt uns in die Lage, effektive, gewichtige und wirksame Antworten auf diese großen Fragen unserer Zeit zu finden." Neue Handelsabkommen böten zudem die Möglichkeit, "neue Märkte zu erschließen" und Lieferketten zu diversifizieren.

(B.Izyumov--DTZ)

Empfohlen

Nachfolge von Bosnien-Beauftragten Schmidt: US-Diplomat geschäftsführend ernannt

Der ranghohe US-Diplomat Louis J. Crishock ist zum geschäftsführenden internationalen Bosnien-Beauftragten ernannt worden, bis ein dauerhafter Nachfolger des deutschen Amtsinhabers Christian Schmidt gefunden wird. Der Amtswechsel solle am Mittwoch erfolgen, teilte das für die Suche nach dem neuen Bosnien-Beauftragten zuständige Gremium am Dienstag mit. Streitigkeiten zwischen europäischen und US-Vertretern verhindern bislang eine Einigung auf einen dauerhaften Nachfolger Schmidts.

Staatsbürgerschaftsrecht: Schlappe für Trump vor Oberstem US-Gericht

Krachende juristische Niederlage für US-Präsident Donald Trump: Der Oberste Gerichtshof in Washington hat am Dienstag Trumps Erlass für verfassungswidrig erklärt, wonach in den USA geborene Kinder nicht mehr automatisch die Staatsbürgerschaft erhalten sollten. Von einem "großen Sieg" sprach der Präsident indes, weil der Gerichtshof Verbote für Transgender-Athletinnen im Frauensport billigte.

Großbritannien will Asylsuchende künftig an Kosten für Unterhalt beteiligen

Großbritannien will Asylbewerber künftig an den Kosten für ihren Unterhalt beteiligen. Die Regelung ist Teil einer Einwanderungsreform, die von der Labour-Regierung am Dienstag ins Parlament eingebracht wurde. Sollten Asylsuchende eine Anerkennung bekommen und dann ein ausreichendes Einkommen erzielen, müssten sie den Regierungsplänen zufolge bis zu 10.000 Pfund (etwa 11.600 Euro) für Unterbringung und Unterhalt während ihres Asylverfahrens zurückzahlen.

Oberstes US-Gericht kippt Trump-Plan für eingeschränkte Staatsbürgerschaft

Krachende Niederlage für US-Präsident Donald Trump vor dem Obersten Gerichtshof: Der Supreme Court hat Trumps Anordnung für unrechtmäßig erklärt, wonach in den USA geborene Kinder nicht mehr automatisch die Staatsbürgerschaft erhalten sollen. Es ist der zweite schwere Misserfolg für den Präsidenten, seit das Oberste Gericht im Februar die meisten seiner Zölle für unrechtmäßig erklärt hatte.

Textgröße ändern: