Deutsche Tageszeitung - Hilfsorganisationen: 50 Millionen Menschen in Westafrika von Hunger bedroht

Hilfsorganisationen: 50 Millionen Menschen in Westafrika von Hunger bedroht


Hilfsorganisationen: 50 Millionen Menschen in Westafrika von Hunger bedroht
Hilfsorganisationen: 50 Millionen Menschen in Westafrika von Hunger bedroht / Foto: ©

In Westafrika verschärft die Coronavirus-Pandemie nach Angaben von Hilfsorganisationen eine drohende Hungerkrise: Die Zahl der Menschen, die in der Region von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht seien, könne bis August von 17 Millionen auf 50 Millionen steigen, warnten Organisationen wie Oxfam, Care und Save the Children am Dienstag. Im Nordosten Nigerias wurde derweil nach dem Tod eines an der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankten Helfers eine Ausgangssperre verhängt.

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Vor dem Hintergrund zur Neige gehender Ernten und andauernder Konflikte verschärfe die Pandemie die bereits sehr schwierige Ernährungssituation in Westafrika, erklärten die Organisationen. Der Zugang zu Lebensmitteln sei sowohl in den Städten als auch in ländlichen Gebieten schwieriger geworden. Die Preise seien gestiegen und viele Grundnahrungsmittel kaum noch verfügbar. Grund hierfür seien die restriktiven Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus wie Ausgangssperren und Grenzschließungen sowie Unsicherheiten in bestimmten Gebieten.

In Burkina Faso oder Niger deckt die humanitäre Hilfe nach Angaben der Organisationen nicht mehr den Nahrungsmittelbedarf von tausenden Binnenvertriebenen.

Bauern haben den Angaben zufolge bereits Schwierigkeiten, hochwertiges Saatgut und Düngemittel zu beschaffen. "In wenigen Tagen ist der Preis für einen 100-Kilo-Sack Hirse von 16.000 auf 19.000 CFA-Francs gestiegen und die Kosten für einen Liter Speiseöl haben sich verdoppelt", sagte Amadou Hamadoun Dicko von der Vereinigung zur Förderung des Viehbestands in der Sahelzone und in der Savanne.

Die Landwirtschaft macht nach Angaben der Hilfsorganisationen mehr als 30 Prozent der westafrikanischen Wirtschaft aus. Für 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung ist sie die größte Einkommens- und Lebensgrundlage. "Wir haben 75 Prozent unseres Marktes durch die Sperrung der Stadt Bobo Dioulasso verloren", sagte Toe Hazara, die in einer Molkerei in Burkina Faso arbeitet.

Nomadische Viehzüchter trifft die Corona-Krise nach Angaben der Hilfsorganisationen ebenfalls hart, weil die Schließung von Grenzen die Wanderung ihrer Herden unmöglich macht und Konflikte zwischen Hirten und Bauern verschärft. "Die Ausgangssperren schränken die Möglichkeit ein, den Tieren nachts Wasser zu geben, mit der Folge, dass die Wasserstellen tagsüber überfüllt sind", sagte Ismael Ag von der Vereinigung Billital Maroobé Network.

Die Hilfsorganisationen fordern die Regierungen daher auf, die Preise stabil zu halten, die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen und den grenzüberschreitenden Warenverkehr zu gewährleisten. Geberländern sollen die westafrikanischen Staaten bei der Bewältigung der Krise unterstützen.

Im Nordosten Nigerias gilt ab Mittwoch eine strikte Ausgangssperre im Bundesstaat Borno, wie der Gouverneur Babagana Zulum ankündigte. In der Region, in der wegen der Angriffe der Islamistengruppe Boko Haram zwei Millionen Flüchtlinge leben, befürchten Experten katastrophale Folgen, sollte sich das Coronavirus dort stark ausbreiten.

Kurz vor der Verhängung der Ausgangssperre hatte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen den Tod eines nigerianischen Mitarbeiters in Borno bekannt gegeben. Ein nach dem Tod des Krankenpflegers vorgenommener Test habe ergeben, dass er an einer Coronavirus-Infektion gelitten habe, teilte die Organisation mit. Es handelt sich um den ersten Corona-Toten in der Krisenregion.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie hat die Regierung in Nigeria bereits eine Ausgangssperre für die Wirtschaftsmetropole Lagos, den angrenzenden Bundesstaat Ogun und die Hauptstadt Abuja verhängt. Dort kam es schon zu Plünderungen und Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Es wird befürchtet, dass Kriminalität und Unruhen zunehmen - insbesondere in Lagos, wo Millionen in Armut lebende Menschen ihrer Arbeit nicht nachgehen können.

Nach offiziellen Angaben starben in Nigeria bislang 21 Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion. Experten gehen jedoch von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.

(P.Tomczyk--DTZ)

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